Comic Invasion Berlin wird zehn und feiert digital

In Berlin findet mit der Comic Invasion in diesem Jahr zum zehnten Mal ein Independent-Comicfestival statt. Marc Seestaedt ist einer der Gründer, Lara Keilbart (die gelegentlich auch Comic-Rezensionen für den Tagesspiegel schreibt) ist die Festivaldirektorin. Lars von Törne hat die beiden zum Zehnjährigen und zu ihren Plänen für das Wochenende 28./29. November 2020 befragt.

Marc Seestaedt, Sie waren 2011 einer der beiden Initiatoren des ersten Festivals, das damals noch „Comics über Berlin“ hieß. Seitdem hat sich die Comicinvasion zu einer festen Größe in der Comiclandschaft entwickelt, Sie sind nach mehreren Jahren als Festivalleiter heute für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Wie fing das damals an?
Marc Seestaedt: Ich saß zusammen mit dem aus Frankreich stammenden Verleger Wandrille Leroy beim Comic-Stammtisch in der Comic-Bibliothek „Renate“. Er sagte: Wieso gibt’s hier in Berlin kein Comicfestival, wollen wir da nicht mal was machen? Ich saß daneben, habe gesagt: Ja, okay – und zehn Jahre später sind wir immer noch hier. Damals war das eine Protoversion in einem kleinen Atelierladen in Kreuzberg mit ein paar Tischen, einer Zeichenaktion an der Wand draußen, Rumstehen mit Bier. Ein Jahr später im HBC, dem ehemaligen „Haus Ungarn“, hieß es dann Comicinvasion.

Lara Keilbart, Sie sind seit vergangenem Jahr Festivaldirektorin. Wie kamen Sie dazu?
Lara Keilbart: Ich bin seit ungefähr sechs Jahren in Berlin. Auf der suche nach coolen Events bin ich natürlich schnell bei der Comicinvasion gelandet, die damals einige Jahre im „Urban Spree“ in Friedrichshain stattfand. Für mich als Person, die vom Dorf kommt, hatte das den Flair von: Ja, so muss das sein, wenn es eine Community gibt, wenn Independent-Leute zusammen arbeiten. Ich habe dort auf einen Schwung sehr viele neue Künstler*innen kennengelernt. In den Jahren danach bin ich dann ins Team mit reingerutscht.

Unter einem Schirm: Das Plakatmotiv für 2020 stammt von Büke Schwarz.Foto: Comic Invasion Berlin

Wie hat sich denn in den vergangenen zehn Jahren die Comicszene in Berlin verändert?
Marc Seestaedt: Ich würde hoffen, dass sie durch das Festival mehr zusammengekommen ist. Die Comicszene ist eine, in der man die Menschen ein bisschen mit dem Lasso einfangen und in einen Raum werfen muss, damit sie mal miteinander reden. Es ist eben eine Kunstform, bei der die Leute größtenteils alleine vor sich hinarbeiten, krummgebeugt über ihren Zeichentischen. Ich hoffe, das hat sich mit dem Festival etwas geändert. Und ich hoffe, wir haben etwas losgetreten, indem sichtbarer geworden ist, dass es eine Menge interessante Leute in dieser Stadt gibt, die interessante Sachen machen. In den Jahren danach sind dann ja auch andere Veranstaltungen entstanden wie die Graphic Days, wo sich viele Illustrations-Leute treffen. Oder die Bilderbergkonferenz, organisiert von Leuten, denen die Comicinvasion nicht punkig genug war, oder Events wie „Comics and the Beast“. Da ist eine Aufbruchsstimmung entstanden.
Lara Keilbart: Parallel dazu hat das Medium Comic in den vergangenen Jahren enorm an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Feuilletons berichten viel mehr. Die Leute, die jetzt Comics kaufen, sind andere als vor zehn Jahren. Und diejenigen, die im Comic erfolgreich sind, sind auch andere. Trotzdem gibt es immer noch zu wenige etablierte Comic-Orte und zu wenig dauerhafte Förderung.

Anfangs wurde bei der Comicinvasion sehr viel improvisiert und wahrscheinlich aus eigener Tasche finanziert – inzwischen findet das Festival im renommierten Museum für Kommunikation statt und wird in diesem Jahr vom Hauptstadtkulturfonds mit 85.000 Euro finanziert. Wieweit hat es sich dadurch auch inhaltlich geändert?
Marc Seestaedt: Am Anfang gab es nur die Tischgelder von den Teilnehmenden, davon wurden die Poster bezahlt, und am Schluss blieb vielleicht ein Hunderter für uns beide Organisatoren übrig. Das war mehr oder weniger ein Freizeitvergnügen.
Lara Keilbart: Da hat sich einiges entwickelt, manches davon nicht freiwillig. Das Urban Spree war als Ort der Do-it-Yourself-Underground-Kunst etwas anderes als das Museum für Kommunikation – aber wir mussten da raus, da die Räumlichkeiten bald nicht mehr zur Verfügung stehen, da ein Investor das ganze Areal gekauft hat. Da haben wir uns nach anderen Orten umgeguckt – und das Museum für Kommunikation wollte uns unbedingt haben, die hatten kurz zuvor eine erfolgreiche eigene Comicveranstaltung gemacht und haben uns auf einen Schlag vieles angeboten, was gut zum Programm passt. Dazu kam, dass das „Urban Spree“ zu klein geworden war. Zudem waren wir an einem Wendepunkt und mussten uns überlegen: Wo wollen wir überhaupt hin, wollen wir im Do-it-yourself—Indie-Bereich bleiben, oder wollen wir uns weiterentwickeln? Also haben wir den Raumwechsel als Anlass genommen, uns auch inhaltlich zu erweitern.

Vor Corona: Festival-Impressionen aus dem Museum für Kommunikation aus dem Jahr 2018.Foto: Lars von Törne

In welche Richtungen?
Lara Keilbart: Anfangs tauchten nur in Berlin lebende oder publizierende Künstler*innen bei uns im Programm auf. Doch wir fanden das nicht mehr zeitgemäß. In einem Zeitalter, in dem man via Internet und Social Media ständig international im Kontakt mit anderen Künstler*innen ist, wollen wir uns dem nicht verschließen, sondern Künstler*innen aus anderen Ländern nach Berlin holen, um die dann mit der lokalen Szene zu vernetzen. Die Priorität liegt nach wie vor auf der Berliner Szene. Aber dazu kommen eben inzwischen auch Leute aus Großbritannien, Italien, Österreich, Korea – und in diesem Jahr haben wir einen Schwerpunkt auf Argentinien.

Damit einher ging eine Zunahme an Fördergeldern.
Lara Keilbart: Ja, es gab generell eine Professionalisierung in den vergangenen Jahren. Marc hat angefangen, sich für erste Fördergelder aus Berlin und der EU beworben. Das heißt aber auch, dass man mehr planen muss, einen Finanzplan erstellen und so weiter. Und wir als Team arbeiten dadurch immer mehr im Voraus für das Festival – was wir dank der großzügigen Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds jetzt auch finanzieren können. Es ist bei weitem immer noch nicht so viel, wie es eine Agentur bekommen würde, die so etwas organisiert und davon leben müsste. Wir haben uns von No-Budget zu Low-Budget entwickelt. Dieses Problem, dass in Berlin Künstler*innen weit unter dem eigentlich angemessenen Niveau bezahlt werden, wollten wir schrittweise verringern. Ich kann nicht erwarten, dass jemand ein Jahr lang für ein Festival arbeitet und dafür 50 Euro bekommt. Trotzdem steht bei uns ganz vorne nach wie vor die Freude, so etwas zu organisieren.

Those were the days. Einige Jahre lang fand das Festival im und vor dem Urban Spree in Friedrichshain statt.Foto: Lars von Törne

In diesem Jahr hat die Coronavirus-Pandemie die Comic Invasion gleich zwei Mal erwischt: Im Frühling musste das Festival abgesagt werden, die Ersatzveranstaltung Ende November findet jetzt auch anders statt als geplant…
Lara Keilbart: Ja, wir veranstalten das Festival an diesem Wochenende, dem 28. und 29. November – aber eben als rein digitales Event. Das Rahmenprogramm im Museum für Kommunikation, das vorher auf Bühnen lief, wird als Livestream ins Internet verlegt. Allerdings muss auch einiges wegfallen. So die beliebten Workshops, die es für jede Altersklasse und jedes Können gab – die lassen sich leider nur ganz schwer digital umsetzen. Auch die musikalischen Programmpunkte werden diesmal spärlich ausfallen. Und wir haben die Herausforderung, wie wir unsere Artists Alley ins Digitale übertragen, also den Bereich, wo die ganzen Kreativen an Tischen sitzen und dem Publikum ihre Arbeiten präsentieren, die man dann dort auch kaufen konnte.

Wie sieht das praktisch aus?
Marc Seestaedt: Auf unserer Homepage comicinvasion.de ist alles gebündelt, da gibt es auch einen interaktiven Übersichtsplan mit allen Beteiligten, auf dem auf die Aussteller*innen geklickt werden kann, um zu deren Homepage oder auf Videos und Ausschnitte aus ihren Comics zu gelangen. Daneben gibt es dort Livestreams und unser Bühnenprogramm.
Was erwartet das Publikum konkret?
Lara Keilbart: Samstag und Sonntag ab 10 Uhr läuft fast durchgehend ein Rahmenprogramm, das live aus dem Museum für Kommunikation Berlin gesendet wird, wo Gespräche, Lesungen und Präsentationen wie die Vorstellung der diesjährigen Berliner Comicstipendiat*innen stattfinden und gefilmt werden. Da gibt es dann auch eine interaktive Quizshow, an der die Leute mit dem Smartphone teilnehmen und etwas gewinnen können. Dazu bieten wir Tutorials, auch mit Beteiligung des Museums, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene: Von „Wie bastele ich mir ein Daumenkino“ bis zu ersten Schritten in der Trickfilmanimation. Und es gibt digitale Ausstellungen unter anderem mit den Comics der Gewinner*innen unseres diesjährigen Wettbewerbs.

Volles Haus: Irgendwann wurde es im Urban Spree für das Festival zu eng.Foto: Lars von Törne

Was ist mit dem Partnerland Argentinien?
Lara Keilbart: Wir stellen Künstler*innen vor, mit denen wir über einen zweiten Livestream verbunden sein werden. Dort kann man argentinischen Zeichner*innen beim Zeichnen zugucken – und sich per Chat etwas wünschen, das dann gezeichnet wird. Die persönlichen Begegnungen lassen sich natürlich nicht wirklich ersetzen – aber wir versuchen, so viel wie möglich zu bieten.

Noch weiß keiner, wie sich die Pandemie-Situation im kommenden Jahr entwickelt. Trauen Sie sich, schon für 2021 Pläne zu machen?
Lara Keilbart: Wir müssen uns jetzt schon Gedanken machen, da die Antragsfristen für Fördergelder bereits laufen. Eins ist schon klar: Im Mai, wo das Festival normalerweise stattfindet, wird es im kommenden Jahr nicht klappen. Dafür wäre die Vorlaufzeit zu kurz, und auch die Erholungszeit für das Team. Wir haben ja in diesem Jahr bereits viel mehr gearbeitet als sonst, da wir das Festival erst für Mai vorbereitet und dann zu der Zeit bereits ein erstes Digitalprogramm organisiert haben, und jetzt für den Herbst noch einmal ein ganzes Festival konzipiert haben. Dazwischen haben wir dann im Sommer auch noch ein Programm mit gestreamten Gesprächen und Präsentationen zum Thema Comics in Berlin angeboten, um den Sommer zu überbrücken, und noch ein paar Sachen mehr. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass man im Mai 2021 schon wieder bedenkenlos ein Festival veranstalten kann. Wenn wir 2021 ein Festival machen, dann Ende September. Aber das planen wir voraussichtlich diesmal gleich von Anfang an so, dass es auch als reines digitales Festival stattfinden kann.

Hier dokumentieren wir das Programm für das Comic-Invasion-Weekend, wie es die Veranstalter*innen auf ihrer Website veröffentlicht haben:

SAMSTAG, 28.11.
10:00 – „JaJatube“ Video Premiere, mit Federico Cacciapaglia + Annette Köhn

11:00 – „Vom Buchdruck bis zur Sprechblase!“ Live-Action-Quiz zum Mitmachen

12:00 – Berliner Comicstipendium 2020 – Podiumsdiskussion mit den Stipendiat*innen

13:00 – „Flip-Flop – Comic-Daumenkino“ Mitmach-Aktion für Familien

13:30 – Lesung “Unfollow”, mit Lukas Jüliger

14:00 – Lesung „Die Katze des Diktators“

14:30 – Vortrag Comic Colloqium Berlin: „Das Deutschlandbild im US-Superheld*innencomic“

15:00 – Lesung „Küsse für Jet“ mit Joris Bas Backer

16:00 – „Zwischenräume. Nachbarschaften im Berlin-Comic JEIN“, Lesung und Gespräch mit Büke Schwarz

16:00-18:00 – live auf der CIB FB Page: transatlantisches Live-Zeichnen mit Jazmín + Rosario aus Argentinien

SONNTAG, 29.11.
11:00 – „Wie kommen Kunst & Kommunikation zusammen?“ Lesung + Gespräch mit Aisha Franz + Joachim Kallinich

13:00 – „Projekt Trickmisch“ Legetrick Mitmach-Aktion für Familien

15:00 – „Bei mir zuhause“ Lesung und Gespräch mit Paulina Stulin

15:00-17:00 – live auf der CIB FB Page: transatlantisches Live-Zeichnen mit Nacha Vollenweider + Rio aus Argentinien

16:00 – GINCO Award, Preisverleihung des neuen Comic-Preises + Q&A mit den Gewinner*Innen

17:00 – „Die Synergie von Comic und Museum am Beispiel des Graphic Recording“, Lesung + Gespräch mit Bo Soremsky + Kai Knörr

18:00 – „MATE – 24-Stunden-Comiczeichnen am Wannsee“, Gespräch + Lesung mit Augusto + Annette

18:30 – Verabschiedung durch CIB Chefin Lara Keilbart