Chronistin der Weimarer Zeit

Anita Daniel, geboren 1892 im rumänischen Jassy, gehörte ab 1925 zu den bekanntesten Journalistinnen des Berliner Lifestyle-Magazins „Die Dame“ und hatte beim „Uhu“ ihre eigene Kolumne. Ihre Feuilletons über Mode, Gesellschaft und den urbanen Lebensstil, die sie nur mit dem Vornamen zeichnete, sind heute zu Unrecht vergessen. 1933 musste Anita Daniel als Jüdin in die Schweiz emigrieren. Sechs Jahre später siedelte sie in die USA über. Für die New Yorker deutsch-jüdische Exil-Zeitung „Aufbau“ hatte sie bereits zwei Jahre zuvor zu schreiben begonnen. Die Autorin starb 1978 in New York.
Ihr Gesamtwerk umfasst Essays, Kolumnen, Reportagen, Rezensionen, Gedichte, Novellen, eine Biografie über Albert Schweitzer und Reisebücher. Der nun von Katja Behling und Thomas B. Schumann herausgegebene Band umfasst eine Auswahl ihrer Texte aus sechs Jahrzehnten (Anita Daniel: Mondän ist nicht mehr modern. Feuilletons über die Mode, die Kunst und das Leben. Edition Memoria, Hürth. 264 S., 35 €).

MONDÄN IST NICHT MEHR MODERN (Aus „Die Dame“, 1928)

Das Wort klingt wie eine Fanfare. Die mondäne Frau, wie sie sich bis vor kurzem in der Phantasie der Umwelt spiegelte, war eine märchenhafte Erscheinung. Dieses Fabelwesen mußte dauernd auf der Höhe der Zeit sein. Alles, was sie trug, tat und dachte, war natürlich letzter Schrei.

Die mondäne Frau nahm morgens, in Valenciennes-Spitzen gehüllt, Schokolade und Grapefruit ein, während ihr die Kammerzofe auf dem historischen silbernen Tablett achtzehn duftende Billette, fünfunddreißig Einladungskarten und acht Telegramme darbot. Vormittags ist sie selbstverständlich bei Schneidern zur Anprobe, zwischendurch eröffnet sie eine Kunstausstellung.

Sie luncht im jeweilig elegantesten Restaurant mit einigen führenden Persönlichkeiten von Adel, Kunst und Hochfinanz, eventuell noch mit einem jungen, namenlosen Künstler, der durch dieses Lunch ab morgen einen Namen haben wird. Zum 5 o’clock geht sie in ein Hotel oder empfängt in einem fließenden Teagown Freunde des Hauses zur Tasse Tee.

Auf einmal: Bequemlichkeit und Natürlichkeit

Vor dem Souper beugt sie sich in großer Abendtoilette über das Bettchen der schlummernden Kinder. Dann beginnt das reichausgefüllte Abendprogramm, bis sie zu früher Morgenstunde heimkehrt und von der todmüden Zofe, die auf sie gewartet hat, entkleidet wird. Die mondäne Frau würde eher auf der Stelle sterben, als eine vorjährige Knopflochblume tragen, oder nicht im richtigen Kleid am richtigen Platz sein.

Hauptinhalt ihres Lebens hatte darin zu bestehen, daß sie jeder Tageszeit, jeder Strömung, jeder Stimmung, jedem Luftwechsel absolut stilgerecht entgegentrat. Möglicherweise gab es tatsächlich Frauen, deren Existenz tatsächlich so verlief, wie die vorgefaßte Meinung es forderte.

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Roman und Kino bestärkten die große Masse in dieser Auffassung, und daher sind viele heute sich noch nicht klar, dass die mondäne Frau in jenem Sinne ja gar nicht mehr existiert. Man kann ruhig behaupten: Mondän ist nicht mehr modern.

Vielleicht ist die Grundmischung noch vorhanden, die da heißt, ein Schuß Snobismus und viel Eitelkeit. Es kommen jedoch neue Ingredienzien hinzu, die etwas vollkommen Verändertes entstehen ließen, Bequemlichkeit, Sport, Natürlichkeit, Sachlichkeit.

Und dann: Unter der mondänen Frau ancien regime stellte man sich selten eine sehr junge Frau vor. Es gehöre dazu Erfahrung, Beherrschung und Sammlung, wie sie nur der etwas gereifteren Frau zur Verfügung stehen konnten.

Heute kümmert man sich keinen Deut darum, ob man mondän wirkt, wenn man nur für jung gehalten wird. Allzu stilvoll aber kann niemals jugendlich wirken.

Elegant und emanzipiert. Die Berliner Zeitschrift „Die Dame“ propagierte ein neues Frauenbild, wie auf dieser Titelseite von März…Foto: mauritius images / Alamy / Artok

Man lebt jetzt viel zu schnell und viel zu improvisiert, um die kostbare Zeit mit ausgeklügelten Vorbereitungen zu verlieren. Daher immer größere Vereinfachung trotz Luxus und trotz gesteigerter Ansprüche. Man hat den überflüssigen Ballast der sogenannten mondänen Lebensführung völlig abgeworfen. Wenn man heute noch von der mondänen Frau spricht – denn der Begriff ist tief eingewurzelt – , muß man sich ein gründlich verändertes Wesen vor Augen halten.

Die moderne Frau letzter Ausgabe ist eine Art Weltwunder. Sie kann alles. Sie hat zwei bis vier Kinder, die sie alle genährt hat. Sie ficht, schwimmt, reitet, skit, hockeyt, tennist, golft und stept. Sie kann Rohkostplatten zusammenstellen und Wiener Apfelstrudel backen, ihr defektes Auto reparieren, Jumper häkeln, Kreuzworträtsel lösen.

Sie kann auf dem Land, in der Stadt und auf Reisen leben. Sie hält sich nur das nötigste Personal und bestellt ihr Weekendhäuschen ganz allein. Eine Zofe würde sie nur nervös machen – in die Kombination kann sie wirklich ohne Hilfe schlüpfen. Sie mag ein paar Dutzend Complets besitzen, sie trägt am liebsten zu allen Gelegenheiten ein zeitloses Jumperkleid.

Sie will gar nicht repräsentieren, sie will sich ausleben. Wie sie es tut, ist ihre ganz private Angelegenheit. Es gibt keine mondänen Frauen mehr, es gibt nur noch moderne Frauen.

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SEX APPEAL – EIN NEUES SCHLAGWORT FÜR EINE ALTE SACHE (Aus dem „Uhu“, 1928)

Jede Generation hat ein Schlagwort für das Ideal ihrer Zeit. Wenn die Formel gefunden ist, verbreitet sie sich wie ein Lauffeuer, dann wird der Begriff erläutert, analysiert und begeistert verflochten – bis er abgegriffen ist. Diesmal hat man kein deutsches Wort für das neue Ideal gefunden.

Es gibt anscheinend Dinge zwischen Himmel und Erde, deren tiefsten Sinn nur eine einzige Sprache restlos enthüllt, und die darum unübersetzt in den Sprachschatz der Welt aufgenommen werden.

Den international gültigen Begriffen wie five o’clock, flirt, dancing, cocktail hat sich ein neuer, höchst wichtiger zugesellt: sex appeal. Jahre hindurch nannte man es das gewisse Etwas. Gemeint war jener Zauber, der von Wesen ausgeht, die man nicht einfach unter die Rubrik Schönheit einreihen konnte. Und plötzlich kam es aus Amerika wie eine Erleuchtung – es war eben sex appeal.

Bis vor kurzem fragte man bei einer Frau ausschließlich: Hat sie schöne Beine? Jetzt lautet die brennende Frage: Hat sie sex appeal? Um die Etymologie dieses Wortes zu geben, kann man nur zu Bildern greifen und jene zeigen, die „es“ haben. Aber was haben sie?

Früher nannte man es Hexerei

Da fängt eben die Schwierigkeit der Erklärung an. „Une belle laide“, sagen die Franzosen. „Sie hat so was“, sagt der Volksmund. „Nicht schön, aber mehr als das“ – alles Umschreibungen für sex appeal.

Es ist die vollendete Inkarnation des Geschlechts, ob männlich oder weiblich – denn, obwohl man dabei fast immer ausschließlich an Frauen denkt, müßte der Begriff des „sex appeal“ auch für den Mann gelten.

Man redet nur weniger darüber – vielleicht, weil beim erfolgreichen Mann eo ipso hauptsächlich sex appeal in Frage kommt. Bei der Frau haben die Faktoren Schönheit, Eleganz, Grazie noch ihre Sondergeltung.

Jede Generation hat ihren Ehrgeiz, ihre Schlagwörter als neues Patent anzumelden. Später, bei längerem Gebrauch, stellt es sich dann heraus, daß haargenau dasselbe bereits unter mehreren anderen Namen eingetragen war. Sex appeal hat es natürlich schon zu Zeiten gegeben, in denen noch niemand Englisch sprach.

Und im Mittelalter wurde man wegen allzu starken sex appeals einfach verbrannt – man nannte es damals Hexerei…

Wenn eine sehr schöne Frau auch noch sex appeal hat – da geschehen welterschütternde Dinge. Zumindest aber wird sie ein Filmstar, von dem fünf Erdteile träumen und eine ganze Generation Komplexe bezieht. Unsere sachliche Zeit sucht und findet für alles den technischen Ausdruck und die sachliche Erklärung.

Bis sie an einen Punkt kommt, wo sie einstweilen nicht weiter kann. Dann heißt es eben Atom, Welle, sex appeal.

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SOLL MAN BRIEFE ZERREISSEN? (Aufbau, 1941)

Es ist für viele Menschen unendlich schwer, sich von Briefen zu trennen. Von Briefen überhaupt und von bestimmten Briefen ganz besonders. Es ist gar nicht immer eine Herzensangelegenheit.

Manchem widerstrebt es einfach, einen schönen, säuberlichen Brief mit ein paar netten Zeilen auf gutem Papier (vielleicht sogar mit geprägtem Monogramm) ritsch-ratsch zu zerreißen und in den Papierkorb zu werfen. Er legt ihn also „zunächst“ weg. Dann beginnt das Malheur – die Briefe häufen sich an.

Andere heben nur solche Briefe auf, die von geliebter oder auch nur lieber Hand stammen. Sie werden selbstverständlich beiseitegelegt – und sie häufen sich an… Von Rechnungen, Mahnungen, Quittungen gar nicht zu reden. Sie erscheinen alle leider in Briefform, müssen (respektive müßten) bewahrt werden, und – häufen sich an.

Welche Briefe soll man aufbewahren? Wie lange soll man sie aufbewahren? Und vor allem: wo soll man sie aufbewahren? Die meisten Gefühle sind zeitlos oder doch nicht zeitgemäß. Das Herz ist irgendwo im achtzehnten Jahrhundert stehengeblieben und der übrige Körper bewegt sich im zwanzigsten Jahrhundert. Sentimentalitäten und Technik stehen sich feindlich gegenüber.

„Wir haben immer nur telephoniert…“

Der Briefmarkensammler träumt von gewölbten Truhen, von verschwiegenen Bodenkammern – und lebt in einer Zweizimmerwohnung mit flach eingebauten Schränken ohne Rumpelkammer und Böden.

Wenn er es trotzdem zunächst fertigbringt, alle Briefe aufzubewahren, muß er, um weiter atmen zu können, von Zeit zu Zeit eine Razzia veranstalten. Er muß Briefe zerreißen, und wenn es ihm das Herz zerreißt. Eine Stunde später wird er sich beträchtlich erleichtert fühlen.

Eigentlich sollte man die meisten Briefe sofort zerreißen, wenn man sie beantwortet hat – oder wenn man sie nicht beantworten will. Viele, viele Briefe, die schön sein könnten, sind ja längst nicht mehr schön.

Die Schreibmaschinenbriefe mit den unpersönlichen Zeichen, die alle persönlichen Gefühle geschäftlich camouflieren. Die engbeschriebenen Flugpostbriefe auf dem dünnen Papier, wo der Drang nach Portoersparnis jede Gefühlswärme beschattet.

Und Liebesbriefe? Ein junges Mädchen, deren Verlobung in die Brüche gegangen war, wurde gefragt, ob sie sich gegenseitig schon ihre Briefe zurückgegeben hätten. Sie sagte erstaunt: „Unsere Briefe? Wir haben immer nur telephoniert…“

Das Herz niemals an Dinge heften

Der Sinn aufbewahrter Briefe liegt im Bündeln, im Sammeln mit dem Endzweck, die Briefe später einmal, nach Jahren, in Ruhe wiederzulesen. Nach Jahren? In Ruhe? Es gibt immer weniger Menschen, die sich den Luxus solcher Perspektive leisten können.

Der Mensch dieser Zeit muß auf leichtes Gepäck eingestellt sein. Er kann sich die Zukunft nicht ausmalen, weil sie dichter verhüllt scheint als je. Programme sind abgeschafft. Er muß sich alle Mühe geben, um sein Herz nicht an Dinge zu heften. Es wird ihm nie ganz gelingen, aber immerhin.

„Halte deinen Gang schwebender, Eulalia!“ heißt es in irgendeiner alten Posse. Ja, man muß sich schwebender halten, elastisch bleiben, Ballast abwerfen. Das sind alles schöne Worte, die sich leicht hersagen. Aber wie schwer ist es schon, zum Beispiel, Briefe zu zerreißen.