Chance 2021? Oder das Ende kultureller Institutionen, wie wir sie kennen?

Als im Frühjahr der erste Lockdown begann, stand auf dem Banner, das sich im Halbrund des Mendelsohn-Baus um den Eingang der Berliner Schaubühne zieht, der Satz „Die Vernunft ist tot“. Das war ein Zitat aus dem wilden, durch die Pandemie gestoppten „Peer Gynt“ von und mit Lars Eidinger.

Heute steht an derselben Stelle „Das Rätsel ist ungelöst“. Zitat aus einem kurz vorm zweiten Shutdown von Thomas Ostermeier inszenierten Text der französischen Autorin Virginie Despentes.

Direkt gegenüber der Schaubühne haben am Kurfürstendamm inzwischen die ersten Läden zugemacht. Aus einer Bankfiliale ist über Nacht ein DHL-Shop samt Tabak- und Getränkehandel geworden.

Ein paar Meter weiter aber zeigt eine Glasfront gähnende Leere. „Reisebüro & Theaterkasse“ ist noch über den Schaufenstern zu lesen. Bis vor Kurzem lockten hier die Ansichten riesiger Kreuzfahrtschiffe. Daneben annoncierten zahllose bunte Klebezettel, wann in den nächsten Monaten Daniel Barenboim in der Waldbühne, Lady Gaga oder Helene Fischer im Olympiastadion auftreten würden.

Die Namen und Spielorte auch bereits verschollen geglaubter Rockbands, Clubevents, Soloprogramme von TV-Kabarettisten oder die kommenden Heimspiele von Hertha, Alba, den Eisbären oder Union – tausend Reisen durch den Berliner Veranstaltungsdschungel waren hier zu buchen. Nun wird die Leere, drinnen und draußen, noch länger herrschen.

Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Theater wird dauern

Die Vernunft ist tot, das Rätsel ungelöst? Als noch viele Theater- und Opernintendanten sowie die Leiter von Privatbühnen ihre vorbildlichen Abstandsregeln und neu installierten Lüftungen priesen und die schnellstmögliche Öffnung aller Häuser forderten, war Schaubühnen-Direktor Thomas Ostermeier einer der ersten, wenigen Skeptiker.

Er mahnte zu Realismus und Vernunft, solange das Virus noch immer mehr Rätsel als Lösungen aufgab. Aufgibt. Über der Schaubühne steht unter dem genannten Slogan als Neujahrsgruß immerhin „Wir freuen uns auf Sie 2021!“. Ein Aushang an den Kassentüren informierte freilich schon vor den jüngsten Beschlüssen der Ministerpräsidenten, dass eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs zunächst nicht realistisch sei.

Statt Krieg haben wir das. Dieser zu Beginn der Coronakrise zitierte Satz aus Botho Strauß’ Drama „Groß und klein“ vom Ende der 1970er Jahre bleibt symbolisch aktuell. Es ist jetzt im Winter ein kalter Unfrieden. Und selbst wenn die meisten einmal geimpft sind, mit unserem dope for hope, hat das Virus nicht kapituliert. Es lässt sich erst mal nur verdrängen. Der Shutdown, nahe am Lockdown, dauert wohl noch mindestens bis zum Frühjahr.

Das trifft weiterhin auch die Kultur. Wobei die Lebenswelt der Künstler wiederum in zwei soziale Welten zerfällt. In Reich und Arm, wie in der übrigen Gesellschaft. Zu den vergleichsweise Reichen oder wenigstens materiell Gesicherten gehören die mit Steuergeldern subventionierten Häuser oder etablierten Festivals samt ihren fest angestellten Ensemblemitgliedern und Betriebsangehörigen.

Die anderen sind, Stars ausgenommen, die vogelfreien oder bestenfalls teilsubventionierten Kunsthäuser, Kinos, Musik- und Theatergruppen, die Schausteller, Artisten, freien Künstler, Fotografen und andere Soloselbstständige. Ungeachtet gewisser finanzieller Hilfen hat sich die Szene darüber erregt, dass Kulturinstitutionen nicht zu den „systemrelevanten“ Unternehmen gezählt wurden.

Streaming ist nur ganz selten ein Ersatz

Anders als etwa Baumärkte. Protestiert haben natürlich auch die Systemsprenger – das aber gehört zum kulturellen Wechselspiel: Künstler sind eher in der Opposition, doch zugleich gilt „Die Kunst geht nach Brot“, wie es schon bei Lessing heißt.

Tatsächlich ist es illusorisch, in nächster Zukunft wieder auf abendliche Theatervorstellungen und Konzerte zu hoffen. Dabei sind die Aufführungsorte selbst eher nicht die gefährlichen Infektiosquellen. Insoweit sind die Verweise auf Abstands- und Lüftungskonzepte berechtigt.

Aber die Publikumskontakte vor und nach den Veranstaltungen und die Bewegungen in öffentlichen Verkehrsmitteln sind als Gefährdungen weiterhin nicht auszuschließen. Deshalb hat ein einsichtiger (und eingestandenermaßen privilegierter) Theaterdirektor wie Thomas Ostermeier schon eine freiwillige Schließung der öffentlichen Subventionsbühnen bis zum Ende der (Nicht-)Spielzeit im Sommer dieses Jahres angeregt.

Wahrscheinlich ist auch, dass im Mai wie schon 2020 das Berliner Theatertreffen nicht oder nicht wie üblich stattfinden wird. Eine sinnvolle Auswahl von Aufführungen aus der Stummelsaison ist ja nicht möglich. Und überhaupt wirkt Theater auf hygienischen Abstand inszeniert wie „Backen ohne Mehl“. So nannte einst Christoph Marthaler eine sehr komische Szene seines berühmten „Murx!“-Spektakels an der Berliner Volksbühne.

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An Backen ohne Mehl – gemeint war damals Sexmurks ohne Partner – gemahnen mittlerweile auch viele gut gemeinte Streaming-Versuche von live nicht erlebbaren Aufführungen. Weil es für den gemeinsam geteilten oder gar angehaltenen Atem, den das Theater, Konzerte oder auch das Kino als ihre kommunikative künstlerische Eigenart bezeichnen, eben keinen virtuellen Ersatz gibt.

Im Gegenteil: Was filmisch zu klar und gar kostenlos von der Bühne nach Hause rüberkommt, lässt einen oft fragen, ob man das noch mit Geld und Aufwand in der Realität sehen und hören muss. Besonders für ein jüngeres, wenig theatererfahrenes Publikum sind abgefilmte Bühnenbilder und Theatertöne sogar abtörnend. Erscheinen oft zu laut, zu pathetisch. Sind weder Kino noch leibhaftige Performance.

Bedenklicher wirken allerdings die neuen Strategien großer Filmkonzerne wie etwa Warner Bros, ihre Produkte auch in Zukunft sofort zu streamen. Als eigene Vermarktung in direkter Konkurrenz zum Filmstart in den Kinos. Das bedroht das Kulturinstitut Kino nun über die Pandemie hinaus – wenn die ästhetische Erfahrung mit Filmen auf Großleinwänden durch die Gewöhnung ans heimische Couchkino verloren geht.

Viel intelligenter, viel verantwortlicher ist hingegen, wie Milo Rau seinen jüngsten Film „Das neue Evangelium“ im Shutdown veröffentlicht. Man kauft seinen Stream-Zugang als Online-Ticket und wählt dabei aus einer Liste sein Lieblingskino vor Ort, das damit am Kartenpreis partizipiert. Ein Modell, so einfach wie genial.

Die Museen müssen wieder aufmachen!

Kultur bedeutet zugleich Bildung. Insofern ist sie höchst systemrelevant. Dass Berlin und Sachsen-Anhalt schon beim ersten Shutdown deshalb die Buchläden offen hielten, war und ist nun ganz richtig. Es wird in der Krise eher mehr gelesen und vorgelesen: wichtig für die ohnehin durch Kita- und Schulschließungen betroffenen Kinder. Wer nicht zuletzt an sie denkt, sollte daher auch für die Wiederöffnung der Museen plädieren.

Museen sind wie Buchläden Orte der stillen Information und Kontemplation. Mangels Reisen gibt es derzeit kaum Touristen. Museen bieten meist hohe, große, klimatisierte Räume, Zeitfenster und Online-Tickets gehören längst zum Repertoire, Masken sind Pflicht und die über den Tag verteilten Besucher verursachen nirgendwo massenhafte Kontakte.

Für Erwachsene und Kinder aber blieben diese Refugien der Anregung, Wissensvermittlung und Fantasie in der Pandemie ohne Sinn verschlossen. Jeder Supermarktbesuch wirkt im Vergleich viel gefährlicher. Kulturstaatsministerin Monika Grütters und ihre Kolleginnen und Kollegen in den Landeskultusministerien sollten darum fordern: Öffnet wieder die Museen!

Fast alles, was öffentlich Spaß macht, ist ansonsten leider gefährlich. Und nicht abzutun als allgemeines Lebensrisiko. Doch zur Krisenkultur gehört auch die derzeit beliebte Formel der „Krise als Chance“. Mit ihr beginnt 2021. Denn ohne Corona hätte vermutlich auch ab dem 20. Januar noch vier weitere Jahre die Trump-Seuche grassiert. Ihr Virus ist noch nicht besiegt, aber die Chancen stehen besser. Zumindest für eine andere politische Kultur.