Bunter Teller

Jetzt ist Jonas Kaufmann auf dem Gipfel des Ruhmes angekommen. Ja, ausgerechnet sein neues Weihnachtsalbum ist ein unzweideutiger Indikator dafür, dass der Tenor die höchste Karriereschwelle überschritten hat. Denn nur die allergrößten Stars werden von ihren Plattenfirmen darum gebeten, altbekannte, Jahr für Jahr in der Adventszeit totgenudelte Lieder noch ein weiteres Mal aufzunehmen. Weil sie über eine riesige Fangemeinde verfügen, die bereit ist, dafür Geld zu bezahlen.

Zum Abschluss eines ungemein produktiven Jahres erscheint heute bei Sony Kaufmanns Christfest-Projekt. Und zwar gleich als 2-CD-Box, die natürlich auch in einer De-luxe-Edition erhältlich ist, mit entzückenden familiären Schnappschüssen vom kleinen Jonas. „It’s Christmas!“ heißt das Album, zu Deutsch: „Zahltag!“ Süßer die Kassen nie klingeln.

Hier ist für jeden Geschmack was dabei

Nicht weniger als 42 Titel zaubert der Tenor aus seinem Geschenkesack, bei den deutschsprachigen Liedern ist das Salzburger Mozarteumorchester unter der sehr soliden Leitung von Jochen Rieder sein Begleiter, bei den amerikanischen Evergreens steht ihm eine Truppe zur Seite, die sich Cologne Studio Big Band nennt. Natürlich sind als akustische Geschmacksverstärker bei ausgewählten Nummern auch Knabenstimmen dabei sowie ein Erwachsenenchor.

Charmant an „It’s Christmas!“ ist, dass dieser klingende Adventskalender nach dem Prinzip „Bunter Teller“ funktioniert: Da muss nicht jedem alles schmecken, man pickt sich einfach seine Lieblingsstücke heraus. Den einen mag es entzücken, wenn Jonas Kaufmann richtig opernhaft auftrumpft, für den anderen klingt es dagegen fast wie eine Drohung, wenn er bei „Tochter Zion“ im Heldentenor-Modus schmettert: „Sei gegrüßt, König mild“.

Wie schön, wenn er seinen Heldentenor zurücknimmt

Viele der Orchesterarrangements bei den traditionellen Liedern würde man eher bei einer Helene-Fischer-Show erwarten, so forsch wird hier die Kitschgrenze überschritten. Daneben gibt es aber auch ganz zarten Zuckerguss wie das Celesta-Solo bei „Vom Himmel hoch, o Englein, kommt“.

Dann dimmt auch Kaufmann den Strahl seines Tenors auf Kerzenscheinlevel herunter, singt einfach schlicht und schön. Anrührend naiv gelingen ihm auch Klassiker wie „Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will“ und „Morgen Kinder, wird’s was geben“.

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Eine echte Überraschung aber ist sein sicheres Stilgefühl für die Hits aus dem US-Weihnachtsliederbuch. Elegant gelingt die Swingversion von „Winter Wonderland“, Mariah Careys „All I want for Christmas is you“ wird zur Mittanznummer.

Bei „Jingle Bells“ kann man hören, dass der Tenor beim Singen lächelt, weil ihm die Songs echt Spaß machen – und seine „White Christmas“-Interpretation ist absolut Las-Vegas-tauglich: Wie er da zwischendurch die Melodie vor sich hin pfeift, das hat Crooner-Klasse. Wer hätte das gedacht: Jonas Kaufmann, der Perfektionist, der alles absolut richtig machen will und darum im leichten Fach bisher oft bemüht wirkte, findet ausgerechnet in Gesellschaft von Santa Claus zur hinreißenden U-Musik-Lockerheit. Ho, ho, ho!