Brecht statt Netflix

Streaming kann das Kino nicht ersetzen. Was lange bloß ein Phrasenklassiker im Lamento über den Niedergang der Lichtspielhäuser war, ist in der Pandemie längst zur persönlichen Erfahrung für all diejenigen geworden, die Kino gleichermaßen als Ort und ästhetische Erfahrung lieben. Dass das kollektive Schauen von Filmen auf der Leinwand und das Gespräch im Anschluss fehlen, zeigt sich besonders stark im Februar, dem in Berlin intensivsten Kinomonat.

Ein Teil dieser Hauptsaison im Filmkalender ist seit 2015 auch die Woche der Kritik. Entstanden als Ergänzung zur Berlinale, hat sich die Reihe mittlerweile als Hort der Entschleunigung während des hektischen Festivals etabliert. Ein internationales Team von Kritiker:innen verantwortet das Programm, der Unterschied zur Festivalroutine liegt in den Debatten nach den Filmen – mit den Filmschaffenden, aber auch mit Wissenschaftler:innen und Autor:innen.

Herauskommen dabei im besten Fall überaus lebendige Streitgespräche, kluge Analysen und faszinierende Off-Topic-Exkurse, gelegentlich auch Verlegenheitsdialoge. Aber diese Gefahr ist einkalkuliert bei den immer etwas idiosynkratischen, thematischen Doppelprogrammen. Dieses Jahr stehen zwei der Abende unter den Motti „Übererkennung“ und „Der große Bluff“. Alles Mögliche soll auf dem Podium passieren, bloß keine routinierten Q&As.

Auch wenn die soziale Atmosphäre, die ein Festival hervorbringt, sich am heimischen Bildschirm nicht einstellt, ist die Online-Ausgabe der Reihe ein Glücksfall im Lockdown. Während die Berlinale nächste Woche ein geschlossenes Branchen-Event veranstaltet, zeigt die Woche der Kritik vom 27. Februar bis zum 7. März in sieben Programmen insgesamt 16 Filme für die cinephile Öffentlichkeit. Tag für Tag kommt ein Online-Filmgespräch hinzu, gesendet aus dem Kino Hackesche Höfe in Berlin-Mitte. Im Mittelpunkt stehen Filme, die nach politischen Positionen suchen und in ihrer Form Fragen aufwerfen.

Spuren auf Youtube oder Google Streetview

Im Eröffnungsprogramm „Auf Spuren“ (ab 27. 2.) zum Beispiel untersuchen zwei Filme mit unterschiedlicher Methodik historisches Material. Der kurze Essayfilm „Letter From Your Far-Off Country“ führt vor, wie ein Filmemacher im Corona-Jahr offenbar aus der Not eine Tugend gemacht hat: einen Desktop-Film auf dem eigenen Computer. Während Regisseur Suneil Sanzgiri, der in den USA lebt, per Videocall mit seinem Vater spricht, sucht er im Netz, bei Youtube oder Google Streetview, nach Fragmenten aus seiner Heimatregion Kaschmir.

[embedded content]

Im Vergleich zu dieser persönlichen Bild-Ton-Collage rekonstruiert der chilenische Film „The Sky Is Red“ („El cielo está rojo“) ein bekanntes Ereignis aus der jüngeren Geschichte des Landes. Im Jahr 2010 ereignete sich ein Großbrand im Gefängnis San Miguel südlich der Hauptstadt Santiago; 81 Menschen wurden getötet.

Die Filmemacherin Francina Carbonell montiert erschütternde Bilddokumente dieser Katastrophe aus unterschiedlichen Quellen. Amateuraufnahmen zeigen das brennende Gefängnis, die Schreie der Insassen sind überdeutlich zu hören, Angehörige stehen vor versperrten Toren. Ein behördliches Re-Enactment stellt die Brandstiftung im Innern des Gebäudes nach.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Distanz zum Grausamen, Andenken der Toten

Splitscreens verpixelter Überwachungsbilder geben wiederum kaum Aufschluss, warum so viele Menschen sterben mussten. Investigatives Interesse zeigt „The Sky Is Red“ also nur bedingt, vielleicht auch, weil ein Gericht alle Angeklagten bereits freigesprochen hat. Stattdessen überwiegt eine poetische Montage, die Distanz zum Grausamen wahrt und dem Andenken der Toten gewidmet ist. Hintergründe werden nur angedeutet, wenn die Kamera im heutigen San Miguel durch einen wuseligen Trakt fährt: Chile hat pro Kopf die meisten Inhaftierten in Lateinamerika und privatisierte, drastisch überlastete Gefängnisse.

(Von 27. Februar bis 7. März auf www.wochederkritik.de)

Die einzige deutsche Produktion im diesjährigen Programm ruft hingegen explizit linke Debatten der Gegenwart auf. Caroline Pitzen hat mit ihrem Langfilmdebüt „Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun“ ein Porträt über fünf politisch aktive Jugendliche aus Berlin-Friedrichshain gedreht.

In langen Gesprächen tauscht sich die Gruppe über Gentrifizierung, Sexismus, Schulpolitik oder Drogenkonsum aus, und eindrücklich ist, wie sie nicht nur eine Haltung zu alldem, sondern auch schon eine Ethik des Miteinanders entwickelt haben. Doch was zunächst streng dokumentarisch erscheint, erweist sich mit zunehmend platzierten Referenzen als szenische Skizze, an der die Teenager aktiv mitgearbeitet haben. Am Ende sitzen auch sie vor einem Laptop und streamen. Nein, kein Netflix, sondern Brechts und Dudows „Kuhle Wampe“.