Bloß nicht systemrelevant

So kann das laufen, wenn ein Komiker das neue Programm „Die kleine Geheimshow“ nennt. Self-fulfilling prophecy gewissermaßen. Eben war noch alles schick, das Kreuzberger Mehringhoftheater hatte Fils Premiere am vergangenen Mittwoch samt zweieinhalb Wochen Spieldauer angesetzt.

Zwar mit coronabedingt reduziertem Publikum, aber hilft ja nix. Dann setzte es den zweiten Kultur-Lockdown und nun bleibt die Geheimshow geheimer, als es Fil lieb ist.

Ist mir peinlich, von Flachpfeifen regiert zu werden

Der ersten Wut über die nun auf wenige Resttermine im Dezember zusammenschnurpselnde „Laugh fast – die young“-Tour, hat er auf Facebook Luft gemacht. Unter dem frechen Header #fuckthestayathome.

Zimperlich ist er nie gewesen, der 1966 geborene und im Märkischen Viertel aufgewachsene Alt-Punk.

„Kulturbrecher – Fuckdown“, schimpft Fil über den Lockdown und meckert: „Es ist mir so peinlich von diesen Flachpfeifen regiert zu werden (…). Verbietet meinetwegen die Strassenbahn, aber doch nicht die Theater, wo alles hygienemässig mega lief.“

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Donnerstagvormittag in Mitte. Blauer Himmel, Sonnenschein, buntes Laub. Der Rosa-Luxemburg-Platz liegt still, alle Schenken sind dicht. Doch auch die Stufen einer geschlossenen Volksbühne eignen sich als Sitzgelegenheit für drei, vier Müßiggänger. Fil kommt gemütlich zu Fuß angestapft. Zeit hat er ja jetzt.

Eine Schar Wildgänse zieht im Tiefflug dahin. „Schön“, ruft Fil, „in so einem blöden Café hätten wir das nicht gesehen!“ Keine Spur mehr von Ärger. Fil nickt und grinst entspannt. Zuerst habe er die Schließung als persönlichen Affront Merkels gegen ihn gesehen. Doch dann hat er eingesehen, „ich schecke dieses komplexe Thema nicht“, und sich arrangiert.

Im kapitalistischen System will ich nicht relevant sein

Anders als die Künstler, die betonten, wie wahnsinnig systemrelevant sie seien, mache er den Beruf ja gerade, um genau das nicht zu sein. O-Ton Fil: „Im kapitalistischen System will ich nicht relevant sein!“ Es folgt ein ausführlicher Seitenhieb gegen eine Regierung, die in der Coronakrise die Kohle in die Lufthansa statt ins Pflegepersonal steckt.

Entsprechend gering ist Fils Neigung, sich um staatliche Überbrückungshilfen zu bemühen. 70 seiner knapp hundert Auftritte in diesem Jahr sind ausgefallen, schätzt er. „Die 75 Prozent Umsatzausfall nähme ich, klar.“ Aber nur, wenn sie unkomplizierter zu beantragen sei als die Soloselbstständigen-Hilfe im Frühjahr.

Geld zu kriegen sei schön, findet Fil, aber die Kultur solle so unabhängig wie möglich bleiben. „Ich will keine Förderung, ich will auftreten. Wenn es so weitergeht, stelle ich mich mit der Gitarre wieder auf die Straße, das habe ich schon gemacht.“

Im Frühjahr war er in Spanien, dann kam der Lockdown

Seine Wohnung in Weißensee wird sich der mehrfache Vater aber einstweilen weiter leisten können. Fil ist zwar Punk, war aber in seiner im zarten Alter von 14 Jahren mit ersten Comicstrips in der „Zitty“ begonnenen Karriere schlau genug, ein Scherflein beiseite zu legen. „Ich rechne immer damit, dass mir nichts mehr einfällt oder keine Leute mehr kommen.“ Also droht ihm kein Bankrott? Fil schüttelt den Kopf und antwortet sybillinisch: „Ich bin nicht arm und auch nicht reich.“

Nur so ist auch zu erklären, dass er im Frühjahr in Spanien in den strengen Lockdown geraten ist. Da weilten Fil und Familie drei Monate auf La Gomera. Sieben Wochen durften sie die Wohnung nur zum Einkaufen verlassen. Zweimal sei er von der Guardia Civil verhaftet worden, weil er sich zu weit vom Supermarkt entfernt habe, erzählt er.

So schnell kann ein Polizeistaat entstehen

„Drohnen, Militär, Hubschrauber auf so einer fröhlichen Hippie-Insel, das war widerwärtig“, schüttelt er sich. Zu Beginn der Pandemie sei auch er in heller Panik gewesen. Habe Angst um die Kinder gehabt, Freunde in Deutschland angerufen und gefragt, warum es dort noch keinen strengen Lockdown gebe. „Aber dann hat sich das gedreht. Ich habe in Spanien gesehen, wie schnell ein Polizeistaat entsteht. Meine Facebook-Freunde wurden ohne Not zu Regierungssprechern.“

Das hat ihn schwer genervt, obwohl er sogar zwei Leute kennt, die „richtig schrecklich“ Corona hatten. „Ich bin mega-ambivalent bei dem Thema. Ich will nicht in einem Polizeistaat leben, aber auch keine Omas killen.“

Fil, als er 2015 noch in Prenzlauer Berg gewohnt hat.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Dieses zwiespältige Gefühl erreicht auch Fils Auftritte. Früher war es im Winter für den Künstler total normal, auch mit einer Erkältung aufzutreten. Alles besser als abzusagen. Die Leute im Parkett hüsteln und schniefen schließlich auch. „Jetzt habe ich wegen Corona das Gefühl, nichts ist richtig, du machst immer alles falsch. Das ist wie die Erbsünde.“

Das Auftreten zu den geltenden Hygieneregeln, das ein Helge Schneider beispielsweise ablehnt, hat sich für Fil als überraschender Bringer entpuppt. „Die Leute freuen sich, sind dankbar, stecken mir sogar Trinkgeld zu. Es herrscht eine Stimmung wie in den Neunzigern, als ich noch ein Geheimtipp war.“ Endlich sei das gelangweilte Abo-Publikum weg, freut sich Fil. „Diese Rentner, die so tun, als hätten sie schon alles gesehen, die haben echt die Stimmung gedämpft.“

[Fil: Worte über Orte. Die Reisen des Fil. Ullstein Verlag, Berlin 2020, 336 S., 10,99 €. Buchvorstellung: 1. 12. im Pfefferberg Theater. „Die kleine Geheimshow“: 26., 27. und 31. 12. in der Volksbühne.]

Auch das Gezeter vieler Kulturclubs die über mangelndes jungen Publikum klagen, erledige sich neuerdings, hat Fil festgestellt. Jetzt, wo die Alten zu Hause blieben und sich auch nach den Lockdowns nicht ins Theater trauten, kämen plötzlich die Jungen, erzählen ihm Veranstalter. „Bei meinen Gigs bin ich inzwischen der Älteste.“ Die Verjüngung ist ganz nach Fils Geschmack. „Linke Rentner, die sich im Kabarett ihre Ansichten über Trump bestätigen lassen, die braucht nun echt keiner.“

Das werden Nicht-Fans des Vaters von „Didi & Stulle“ womöglich auch über Fils neues Buch sagen, das trotz oder wegen Corona erschienen ist. „Worte über Orte. Die Reisen des Fil“ vereint seine Facebook-bekannten Knittelverse über Gastspielstationen wie Kleinmachnow, Weimar, Hamburg, Düsseldorf mit einem durchgeknallten Gothic-Science-Fiction- Abenteuer.

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Held der erotomanisch irrlichternden Handlung ist ein verstrahlter Depp namens Fil, den es auf der Lesereise seines Romandebüts „Pullern im Stehn“ im Jahr 2014 bis nach von Addis Abeba in Äthiopien verschlägt. An seine Fersen heften sich Berliner Gauner, mörderische Spanierinnen in silbrigen Ufos und andere Psychopathen.

Das krause Fragment hat Fil im Lockdown auf La Gomera auf Länge spintisiert. Am lustigsten sind die Alt-Punk-Sottisen gegen „Bambino“ von der Band „die Pfotendosen“. Bei seinen Romanen „Pullern im Stehn“ und „Mitarbeiter des Monats“ habe er sehr gerungen, ob er literarisch erzählen oder lustig schreiben soll, erzählt der Romancier. Beim dritten Buch wollte er sich einfach gehen lassen und Spaß haben. „Hier geht’s um Nichts, es ist einfach ein Bullshit-Buch, obwohl’s viel Handlung gibt.“

Die Penis-Trilogie ist damit abgeschlossen

Nach der Lektüre drängt sich eine Frage an den radikalen Duzer auf: Hast Du wirklich so einen Riesenschwanz, Fil, oder gehört der Deinem literarischen Ich? Äh, nein, lacht Fil, er sei nicht überdurchschnittlich groß. Außerdem ist er mit Thema auf Wunsch von Freundinnen, die diese Fixiertheit bereits in den ersten beiden Büchern monierten, nun auch durch. „Es ist das Ende meiner Penis-Trilogie“.

Das Goethe Institut von Addis Abeba hat Fil übrigens nie gesehen. Auch kein anderes irgendwo auf der Welt. Er sei mal für eine Betriebsfeier angefragt worden, aber da hat er abgesagt. „Das ist eine Vetternwirtschaft, dieses blöde Institut.“ Bei den Comiczeichner schickten die immer dieselben Vögel rum. Eine erneute Anfrage wäre trotzdem schau: „Das ist meine hysterische Persönlichkeitsstörung, dass ich gefragt werden will, obwohl ich abgesagt habe.“

Aber jetzt richtet sich Fils hoffnungsvoller Blick erst mal auf die Volksbühne. Im Dezember dort endlich wieder vor einer dreistelligen Publikumsanzahl aufzutreten, das wär’s doch. Sollte Corona es vereiteln, sitzt Fil das aus. „Und wenn es fünf Jahre dauert. Ich höre mit 75 auf und genauso lange trete ich auf.“