Bleib noch eine Nacht bei mir

Es steht schlecht um den Stadionrock. Nicht erst, seitdem die Pandemie weltweit Konzerte verhindert. Das Genre wird schon seit Jahren von Nachwuchssorgen geplagt. Statt sich der breitbeinigen, hymnischen Spielart der Rockmusik zuzuwenden, erkunden Musiker*innen heute lieber Kraut- und Yachtrock oder spinnen Gitarrenmusik in avantgardistisch-operettenhafte Richtungen fort wie Anna Calvi oder St. Vincent.

Auf der aggressiveren Seite des Spektrums kanalisieren derzeit vor allem in Großbritannien Bands wie Fountains D.C., Savages, Idles oder Shame ihre Wut in lärmige Post-Punk-Stücke. Auch in seinen diversen Indie- und Garagenausprägungen ist der Rock in den vergangenen zehn Jahren diverser, in erster Linie weiblicher geworden. Beim traditionell von weißen Männern gemachten Stadionrock bewegt sich hingegen wenig.

Von der Garagenrock-Combo zum Festivalheadliner

Zuletzt haben die Foo Fighters mit „Medicine At Midnight“ ein Lebenszeichen gesendet – solide und schön für die alten Fans. Neue dürften eher nicht hinzugekommen sein. Ähnlich verhält es sich mit dem gerade erschienenen achten Album der Kings Of Leon, der vorerst letzten Band, die von ihren Garagenrock-Anfängen in die Superstar-Liga des Stadionrocks aufgestiegen ist.

Aus den „Southern Strokes“ wurden die „Southern U 2“ – so ist der Werdegang des Quartetts aus Nashville trefflich beschrieben worden. Vollendet haben die drei Followill-Brüder und ihr Cousin diesen Prozess mit dem Album „Only By The Night“, das 2008 erschienen ist. Darauf waren Hits wie „Sex On Fire“ und „Use Somebody“ – perfekter Stadionrock, am besten genossen mit ein paar Bier in einem Pulk mitgrölender Menschen.

[Behalten Sie den Überblick über die Corona-Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de ]

Als Headliner großer Festivals haben die Kings Of Leon immer wieder für solche Ekstasemomente gesorgt. Auf ihren Alben – über 20 Millionen haben sie verkauft – blieben die vier ihrem Ansatz im Wesentlichen treu. Die 2016 veröffentlichte Platte „Walls“ gehörte zu den stärkeren Exemplaren ihrer Diskografie nach dem Durchbruch. Darauf gab es Achtziger-Anleihen, ein afropoppiges Stück und einige überzeugende Beiträge aus ihrem Kernkompetenzgebiet.

[embedded content]

Tastend und ungewohnt zögerlich beginnt nun das Nachfolgewerk „When You See Yourself“ (Sony), das wieder mit Produzent Markus Dravs aufgenommen wurde. Gitarren-Arpeggien überlagern sich, die Rhythmussektion baut einen sanft treibenden Puls auf, nach zwei Minuten ist alles bereit für einen euphorisch explodierenden Refrain – doch die Band bremst ab, ersetzt die Gitarren durch träumerische Synthieschlieren.

Eine Anti-Klimax, zu der Sänger Caleb Followill fleht: „One more night, one more night will you stay here“. Seine Stimme versinkt im letzten Drittel hinter den Instrumenten. Er scheint nicht durchzudringen mit seinem Wunsch.

Die Band nimmt sich viel Zeit auf diesem Album, von dem sie sagt, es sei das erste, bei dem es keine Richtungskämpfe gab. Offensichtlich nicht daran interessiert, Radio- oder Playlistenfutter zu liefern, dehnt sie viele der elf Stücke an die Fünf- Minuten-Marke, lässt sie mäandern oder auf der Stelle kreiseln. Followill wiederholt etwa im Refrain von „100 000 People“ die Worte „You do“ geschlagene 16 Mal.

[embedded content]

Bei „Supermarket“ zerkauen Bass und Schlagzeug eine hübsche, aber auf die Dauer etwas ermüdende Idee, wohl um die gesungene Stillstandsbeschreibung („I’m going nowhere“) zu illustrieren. Oft breitet sich eine gemütliche Midtempo-Atmosphäre aus, die gut zu den gereiften Musikern passt.

Wenn vom „Golden Restless Age“ die Rede ist, scheint das eine lang versunkene Zeit zu sein. Der achtelnd nach vorne drängende Bass und das bissige Gitarren-Motiv erinnern noch an die einstige Ruhelosigkeit, doch an entscheidender Stelle verklären die Synthesizer das Bild mit ihrer Sepia-Nostalgie. Gitarrist Matthew Followill lebt seine Leidenschaft für Vintage-Instrumente ohnehin großflächig aus.

Dass sie den Stadionrock weiterhin draufhaben, zeigen die Kings Of Leon dann aber auch noch. Wie sie in „Stormy Weather“ und „The Bandit“ die Muskeln anspannen, ist mitreißend. Und es steigert die Sehnsucht nach einem Sommer mit Festivals bis nah an die Schmerzgrenze.