Billie Eilish mobilisiert bei Konzert gegen Trump

Eigentlich möchte man sich ja noch immer nicht mit der neuen Realität abfinden, die da heißt: Streaming-Konzert. Längst aber sind Größen wie Nick Cave oder Lady Gaga eingeknickt und haben es getan. Und offensichtlich kann auch die größte lebende Popsensation nicht auf die Einnahmen verzichten. Dabei gibt es für Billie Eilish mit 18 Jahren eigentlich nicht mehr viel zu erreichen.

Ihre Songs werden milliardenfach gestreamt, Kritiker überschütteten das Debüt-Album „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ mit Lob. Im Januar gewann Eilish als jüngste Künstlerin überhaupt bei den Grammy Awards – in allen vier Hauptkategorien. Bloß ihre Welttournee musste sie nach drei Konzerten coronabedingt abbrechen. Auch der Auftritt in Berlin fiel aus.

Die globale Fangemeinde dürfte also sehnsüchtig auf jenen Moment gewartet haben, als Billie Eilish in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Los Angeles die Bühne betrat. Zuvor galt es jedoch ein schier endloses Vorprogramm durchzustehen, bei dem die Organisatoren zwischen Werbung für Luxuskleidung ein Fan-Quiz ausrichteten („Wann färbte sich Billie Eilish das erste Mal die Haare?“).

„No music on a dead planet“

Dann endlich erscheint sie in rotes Licht getaucht. Im gewohnt weiten, perlmuttfarbenen Zweiteiler, gerahmt von einem offenen gigantischen Polyeder. Der Sinn des exzentrischen Bühnenbildes: Jeder Song ist von aufwändigen Digitaleffekten gerahmt. Mal sitzt Billie Eilish mit ihrem Bruder und Mitmusiker Finneas auf einem Monolith im Weltall, dann wieder am Meeresboden umzingelt von Haien.

Sicherlich, die 3D-Effekte wissen zu beeindrucken, doch mit zunehmendem Verlauf droht die Künstlerin hinter dem audiovisuellen Bombast zu verschwinden. Einzig im wundervollen „When the Party’s Over“ unterstreicht ein einzelner Lichtkegel fokussiert ihren makellosen ätherisch-flüsternden Gesang.

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Eilish scheint irritiert vom ungewöhnlichen Setting, etwas verloren im gigantischen Studio. Während sie sonst gegen eine Wand aus Lärm und Jubel ansingt, herrscht nun gespenstische Stille. Lediglich verstreute Studiomitarbeiter und ihre Entourage spenden zwischen den Songs Applaus. Dann wird es politisch.

Bei „All the Good Girls Go to Hell“ tauchen brennende Wälder, vermüllte Ozeane und gestrandete Wale auf, die einem überdimensionierten Slogan weichen: „No music on a dead planet“. Der Zeitpunkt des Konzertes eine Woche vor der US-Wahl scheint strategisch gewählt. „Wir müssen etwas tun, weil die Welt stirbt und die Menschen sterben und Trump das Schlimmste ist“, appelliert Eilish und fordert zur Stimmabgabe auf. „Wenn wir den orangenen Mann abwählen, sehen wir uns vielleicht wieder.“

Nach nur einer Stunde und 13 Songs ist Schluss

Doch es wird auch wieder kuscheliger. Bei „Everything I Wanted“ tauchen zugeschaltete Fans vor ihren Bildschirmen auf. Nach nur einer Stunde und 13 Songs ist Schluss. Kaum sind die letzten Töne von „Bad Guy“ verklungen, setzt ohne Zugabe der Abspann ein. Wem die 30 Dollar für das Online-Ticket zu günstig waren, der kann sich im automatisch auftauchenden Online-Store für 75 Dollar einen Billie-Eilish-Kapuzenpullover kaufen.

„In der Quarantäne wurde mir klar, dass die Bühne der einzige Ort ist, an dem ich mich wie ich selbst fühle“, erklärte Eilish während des Konzertes. Das klingt dann fast wie ein Versprechen. Selbst für den Fall, dass der orangene Mann nicht abgewählt werden sollte.