Berlins neue Kathedrale des Wissens

Am kommenden Montag wird das Haus Unter den Linden der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz digital eröffnet und kann dann wieder seine volle Pracht entfalten. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wird mit seiner Festansprache einem Ereignis Glanz verleihen, das pandemiebedingt nur im Livestream stattfinden kann. Nach dem Ende des Lockdowns wird diese wiedererstandene Kathedrale des Wissens ihre Nutzerinnen und Nutzer vom Boulevard Unter den Linden aus auf einer wahren „via triumphalis“ über Brunnenhof, Freitreppe und Vestibül in die diversen Lesesäle führen. Welch großartige Inszenierung des Ankommens und Emporschreitens durch den Architekten Ernst von Ihne, die HG Merz zu neuem Leben erweckte!

Das Bauvolumen der Staatsbibliothek ist vergleichbar mit jenem des Reichstags. Was sagt es also aus, wenn die damals noch junge Nation eine Bibliothek errichtete, die in Dimension und Prachtentfaltung dem Reichstag kaum nachstand? Welche Bedeutung maß das Kaiserreich Wissenschaft und Bildung bei! Es war einer der weltweit größten Bibliotheksbauten seiner Zeit. Zusammen mit ihren herausragenden Sammlungen konnte die Staatsbibliothek zu Berlin, bis heute die größte wissenschaftliche Universalbibliothek Deutschlands, sich mit ihren Konkurrentinnen in Paris, London oder Washington messen. Der Wettstreit der Metropolen um nationale Größe fand damals auch in den Wissenschafts- und Kulturbauten ihren Ausdruck.

Die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs beendeten diese Pracht, das Gebäude war schwer getroffen, seine Bestände ausgelagert und zerstreut. In diesen Tagen jetzt geht auch die Nachkriegsgeschichte des Hauses zu Ende. Aus einem Torso wurde wieder ein großartiges Ganzes, die wunderbaren historischen Säle erblühen in neuem Glanz, und mit dem weithin leuchtenden Glaskubus des Zentralen Lesesaals wurde dem Haus sein Herzstück in moderner Form zurückgegeben. Mit modernster Forschungsinfrastruktur im Inneren ist dieses Gebäude historisch und hochmodern zugleich.

Fast gleichzeitig hat auch die Eröffnung des Humboldt Forums im neuen Berliner Schloss begonnen. Im sogenannten Apothekerflügel des alten Schlosses war 1661 die Keimzelle der Staatsbibliothek. Mit Staatsbibliothek, Staatsoper, Schloss und Museumsinsel geht die Ausgestaltung der historischen Mitte Berlins immer weiter ihrer Vollendung entgegen und lässt eine einzigartige Bildungslandschaft zwischen Brandenburger Tor und Spreeinsel als neues Kraftzentrum kultureller Entfaltung deutlich hervortreten.

Die Staatsbibliothek steht im Zentrum dieser Bildungslandschaft. Oft wird gefragt: Brauchen wir im Zeitalter der Digitalisierung überhaupt noch Bibliotheken? Die Welt gibt eine klare Antwort darauf. Nie zuvor ist mehr Geld in Bibliotheksbauten investiert worden. Der Widerspruch ist also nur ein scheinbarer. Berlin ist nicht allein, überall entstehen spektakuläre neue Bücher-Paläste und Lese-Raumschiffe: ob in Alexandria oder Doha, Seattle oder Sao Paulo, Sendai oder Tianjin, Birmingham oder Stuttgart. Die besten Architekten der Welt wetteifern in Entwurf und Gestaltung von Bibliotheksbauten.

Es ist gut investiertes Geld. Bibliotheken sind die meistbesuchten Kultureinrichtungen, was ihre gesellschaftliche Relevanz unterstreicht. Bibliotheken sind die neuen Volkspaläste! Die oft schon totgesagten Lesesäle sind überfüllt, obwohl immer mehr Schrifttum am heimischen Rechner erreichbar ist. Wie ist das zu erklären? Zwischen anderen sich mit hoher Konzentration vertiefen, Gesellschaft spüren, zwanglos kommunizieren: Bibliotheken werden zu sozialen Orten, öffentlich und intim zugleich wirken sie ungemein stimulierend, ein „dritter Ort“ neben Wohnung und Arbeitsplatz, egal ob Stadtteil- oder Forschungsbibliothek.

Zur Standardausstattung von Bibliotheken gehören heute vielfach Konferenzräume, Computerlabore, Audiobereiche. Guter Service, angenehme Atmosphäre, niedrige Schwellen, einladende Raumgestaltung, fördernde Angebote, all das macht Bibliotheken heute aus. Die neuen, hochmodernen und bisweilen futurisch wirkenden Bibliotheksbauten scheinen vielfach nicht mehr in erster Linie für Bücher, sondern für Menschen gebaut. Sie wirken als überdachte urbane Plätze mit Medienangeboten und integrativer Ausrichtung in die Gesellschaft hinein. Bibliotheksarchitektur stiftet Gemeinschaft, was gewiss auch damit zu tun hat, dass der digitale Mensch sich immer mehr nach analoger Gesellschaft und realen Orten sehnt.

Das Haus Unter den Linden ist jedoch ein historisches, und trotzdem hat es den Spagat zwischen den Erwartungen der Vergangenheit und jenen der Gegenwart sehr gut bewältigt. Ein ambitioniertes Veranstaltungsprogramm, Vermittlungsangebote, Workshops für Studierende, Gesprächsabende und Konzerte haben die Staatsbibliothek neben ihren Kernaufgaben längst zu einem Teil der Stadtgesellschaft werden lassen.

Und doch ist sie vor allem auch eine Gedächtnisinstitution. Keine Gesellschaft kommt auf lange Sicht ohne die bindende Kraft des Gedächtnisses aus. Auf Papier gebanntes Wissen wird hier für die Ewigkeit verfügbar gehalten, ein hoher Anspruch. Bibliotheken ermöglichen auf diese Weise die Weiterentwicklung von Wissen und tragen zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft bei.

Der Stand der Erkenntnis lässt sich heute aber nur mehr vernetzt erweitern. Die alleinige Fokussierung auf die eigene Sammlung reicht nicht mehr aus. Bibliotheken agieren arbeitsteiliger und kooperieren mehr denn je. Und der internationale Trend ist eindeutig: Bibliotheken sind in den letzten Jahren insbesondere im anglo-amerikanischen Bereich immer enger mit Archiven und Museen zusammengerückt, weil sie schon lange wesentliche Werte und Praktiken teilen. Als vernetze Wissensspeicher machen sie das Wissen der Welt verfügbar und neue Bedeutungszusammenhänge sichtbar. Das ist die eigentliche Herausforderung für spartenübergreifende Einrichtungen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK).

Die Staatsbibliothek zu Berlin bewahrt einen herausragenden Teil unserer kulturellen Überlieferung, darunter weltberühmte Autographe von Bach, Mozart oder Beethoven, mittelalterliche Handschriften, einen Originaldruck von Luthers Thesen und die Gutenberg-Bibel; manches davon zählt zum Weltdokumentenerbe der Unesco. Der Auftrag zu Pflege und Erhalt von schriftlichem Kulturgut entspricht durchaus dem eines Museums, Digitales und Analoges greifen dabei eng ineinander. Die Relikte der ältesten Bibliotheken der Menschheit, Keilschrifttafeln und Papyrusrollen, liegen in Museen. Bibliotheken sind ebenso wie Museen Portale zur Vergangenheit und zur Zukunft.

Alles ist Wechselwirkung, schrieb Alexander von Humboldt. Das gilt auch für die SPK: Alexanders Amerikanische Reisetagebücher werden in der Staatsbibliothek verwahrt, seine Korrespondenz mit dem preußischen König liegt im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, die von ihm gesammelten Objekte befinden sich im Ethnologischen Museum, und im Ibero-Amerikanischen Institut der SPK wird zu ihm geforscht.

Interdisziplinarität und Vernetzung sind heute wichtiger denn je, auch für Gedächtniseinrichtungen. Die SPK hat deshalb gerade durch ihren spartenübergreifenden Aufbau ein zukunftsweisendes Potenzial an der Schnittstelle von Kunst und Kultur auf der einen und Wissenschaft und Forschung auf der anderen Seite. Diese Schnittstelle gilt es neu zu gestalten. Das einst für ihre Schätze gebaute, heute der Forschung einzigartige Möglichkeiten bietende und doch auch der Stadtgesellschaft zugewandte Haus Unter den Linden der Staatsbibliothek zu Berlin wird hierfür ein entscheidender Baustein sein.

Der Autor ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Eröffnungsfeier am Montag, 25. 1., 13 Uhr, Link zum Livestream unter staatsbibliothek-berlin.de.