Berlin geht leer aus

Die “Opernhäuser des Jahres” stehen in Frankfurt und Genf. Die Umfrage der Fachzeitschrift spiegelt vor allem die Vielfalt der deutschen Kulturszene wider.




Zusammen mit dem Grand Thé1atre de Genève ist die Oper Frankfurt “Opernhaus des Jahres” 2020.Foto: dpa

Wenn es nach den 43 Kritikerinnen und Kritikern geht, die sich an der Jahresumfrage der Fachzeitschrift „Opernwelt“ beteiligt haben, dann war in der vergangenen Saison in Berlin nicht wirklich spektakuläres Musiktheater zu erleben. Frankfurt und Genf teilen sich diesmal den begehrten Titel „Opernhaus des Jahres“. Das Musiktheater am Main hat sich unter Intendant Bernd Loebe mit Entdeckerfreude und mutiger Stückauswahl einen hervorragenden Ruf erarbeitet, in der französischen Schweiz ist dem neuen Chef des Grand Théâtre de Genève, Aviel Cahn, offensichtlich ein fulminanter Start geglückt.

Zum 13. Mal wurde dem Chor der Stuttgarter Staatsoper die Ehre des besten Gesangskollektivs zuteil, zum neunten Mal spielte das beste Orchester an der Bayerischen Staatsoper. Die „Aufführung de Jahres“ ist nach der gesammelten Kritikermeinung der Bayreuther „Tannhäuser“ (vom „Regisseur des Jahres“ Tobias Kratzer), die spannendste Uraufführung fand mit Olga Neuwirths „Orlando“ an der Wiener Staatsoper statt. Ebenso viele Voten erhielt Hans Abrahamsens „Schneekönigin“, die in Kopenhagen herauskam.

Ist die deutsche Hauptstadt nur Musiktheater-Provinz?

Die deutsche Hauptstadt, immerhin die Metropole mit dem breitesten Musiktheaterangebot weltweit, kommt in der Umfrage nur unter „ferner liefen“ vor: Katrin Lea Tag, die unter anderem die Ausstattung der „Bassarids“ an der Komischen Oper geschaffen hat, ist „Bühnenbildnerin des Jahres“, Dirigent Titus Engel teilt sich seinen Titel mit Kirill Petrenko. Der Chef der Berliner Philharmoniker allerdings wird explizit für seine Arbeit in München gewürdigt, wo er bis zu diesem Sommer Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper war.

Sind die drei Berliner Häuser also lediglich Opernprovinz? Oder liegt es den Damen und Herren von der Kritik besonders am Herzen, mit ihren Voten die Vielfalt der bundesdeutschen Kulturlandschaft zu feiern, deren Föderalismus es möglich macht, dass in Weimar die „Wiederentdeckung des Jahres“ stattfindet, nämlich Paul Dessaus „Lancelot“, und der „Sänger des Jahres“, der polnische Countertenor Jakub Jozef Orlinski, in Karlsruhe glänzt? Immerhin sind die Zeiten vorbei, als Berlin bei der „Opernwelt“ ein Abo auf den Negativ-Titel hatte: „Ärgernis des Jahres“.