Berlin drückt sich um eine klare Haltung

Bis Montag hingen sie an zahlreichen Bushaltestellen in Dresdens Innenstadt. Dunkle Plakate mit bronzefarbenen Figuren darauf, ein Leopard, eine Gruppe mit drei Menschen, ein geschmückter Gedenkkopf. „Vermisst“ steht in roten Lettern quer über den Statuen, dazu der Ort, an dem sie schmerzlich fehlen: Bini/Nigeria. Seit 1897.

Die Vermisstenanzeigen, eine Aktion des Berliner Künstlers und Documenta- Teilnehmers Emeka Ogboh, gelten den weltberühmten Benin-Bronzen. Diese Tierstatuen, Figurengruppen und Reliefs aus Bronze, Elfenbein und Holz wurden seit dem 15. Jahrhundert im ehemaligen Königreich Benin im heutigen Westafrika hergestellt.

Sie gelten als Kunstwerke von Weltrang. 1897 wurde der Königsschatz im Zuge eines von britischen Streitkräften blutig geführten Kolonialkrieges geplündert, nach Großbritannien gebracht und auf dem Kunstmarkt verkauft. Heute besitzen die Museen in London, Stockholm Stuttgart, Leipzig, Hamburg, Dresden und Berlin große Konvolute.

Im Humboldt Forum sollen bald 200 Benin- Kunstwerke ausgestellt werden, ein Highlight der Afrika-Sammlung des Ethnologischen Museums. Nur wird die Restitutionsfrage von den Verantwortlichen zögerlich adressiert. Unangemessen, für ein Forum, das ein „Ort für Debatten“ sein will. „Eine Blamage“ nannte es der Hamburger Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer gegenüber dem Tagesspiegel.

Restitutionsforderungen gibt es schon seit den siebziger Jahren

Im Dezember zur digitalen Eröffnung des Humboldt Forums bekräftigte der nigerianische Botschafter in Berlin Yusuf Tuggar die Restitutionsforderung seiner Regierung via Twitter. Dass Vertreter der nigerianischen Regierung sich bereits 1972 vergeblich um die Objekte bemühten – damals ging es nur um Leihgaben –, legte die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy kürzlich in einem Artikel in der „FAZ“ dar.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) kommt dabei erneut nicht gut weg. Savoy zitiert Protokolle, die belegen: Die Verantwortlichen wollte damals keine Werke ausleihen und waren froh, als das Thema im Sande verlief.

Mittlerweile sagt SPK-Präsident Hermann Parzinger: „Eine Rückgabe ist nicht ausgeschlossen.“ Eine proaktive Debatte klingt anders.

Jonathan Fine, Afrika-Kurator im Ethnologischen Museum Berlin, mit einem Benin-Objekt: einem Fächer des Oba. Aufnahme aus dem Jahr…Foto: Thilo Rückeis

Das Berliner Ethnologische Museum besitzt circa 530 Benin-Objekte. Die Hälfte soll mit der schrittweisen Eröffnung ab Dezember 2021 in zwei Sälen im Ostflügel des Humboldt Forums ausgestellt werden, so Afrika-Kurator Jonathan Fine. Der größte Teil kann als Raubgut eingestuft werden, das hat die Provenienzforschung des Museums ergeben, auch wenn es noch offene Fragen gibt, wie Fine in einer E-Mail schreibt.

Man wolle „neben der Geschichte des Königreichs Benin als regionale und internationale Macht auch die koloniale Vergangenheit der Bestände und die zugehörigen Debatten abbilden“. Ob die Präsentation bis Dezember noch aktualisiert werden wird, will er nicht kommentieren. Sinnvoll könnte es sein, schließlich sind die Ausstellungskonzepte viele Jahre alt.

Auch Dresden besitzt geraubte Benin-Werke

In Dresden geht man offensiver mit der Restitutionsdebatte um. Schon auf der Website des Völkerkundemuseums sind mehrere Artikel dazu veröffentlicht. Direktorin Léontine Meijer-van Mensch, die zuvor in Berlin tätig war und seit 2019 die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens mit den Völkerkundemuseen in Dresden, Leipzig und Herrnhut verantwortet, hat Emeka Ogbohs Plakataktion möglich gemacht.

Eines von Emeka Ogbohs Plakaten aus der Aktion „Vermisst in Benin“, 2020.Foto: Emeka Ogboh

Die fünf Bronzen, die der Berliner Künstler präsentiert, gehören zur Dresdner Sammlung. Ogboh sagt, er habe die Intervention „aus einem Gefühl der Ungeduld und Notwendigkeit heraus geschaffen, um den stagnierenden und abstrakten Diskurs um die kolonialen Reparationen“ öffentlich zu machen. Im Leipziger Grassi Museum sind die Bronzen derzeit unter dem Ausstellungskapitel „Der Raub“ ausgestellt. In Dresden sind sie wegen Umbaumaßnahmen im Moment gar nicht zu sehen.

Meijer-van Mensch sieht die Aufgabe der Museen so: „Wir sind Verwalter dieser Objekte. Wir haben den Auftrag, Diskussionsräume zu eröffnen, Vermittler zu sein.“

Barbara Plankensteiner, Direktorin am Museum am Rothenbaum in Hamburg, leitet die Benin Dialogue Group.Foto: P. Schimweg / MARKK

Die Plakate an den Bushaltestellen sieht sie als „Auftakt“, um das Thema in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden voranzubringen. „Wir wollen 2021 die nächsten Schritte gehen, die Zeit zu handeln ist gekommen“, sagt sie. So verbindlich hört man es selten. Letzter Entscheider in Restitutionsfragen ist der öffentliche Träger der Museen, in dem Fall der Freistaat Sachsen.

Neues Museum in Nigeria geplant

In Benin-Stadt plant man derweil ein neues Museum, das Edo Museum of West African Art, das die geraubten Werke aufnehmen soll. Im November 2020 stellte der renommierte Architekt David Adjaye seine Pläne vor: ein langgezogener, mehrteiliger Bau, eingebettet in einen Garten auf einem Gelände neben dem Herrscherpalast.

Beteiligt sind der königliche Hof, der Gouverneur des Bundesstaats Edo State, Godwin Obaseki, die nigerianische Kommission für Museen und Denkmäler sowie alle europäischen Museen mit großen Benin-Beständen. Auch das Ethnologische Museum in Berlin.

Entwurf für das Edo Museum of West African Art in Benin-City.Foto: David Adjaye

Die genannten Parteien arbeiten in der „Benin Dialogue Group“ zusammen, die die Bedingungen für Restitutionen klären will. Die Gruppe trifft sich seit 2010.

Es ist ein komplexer Prozess mit vielen Beteiligten, diversen Interessen und unterschiedlichen Gesetzen, die berücksichtigt werden wollen. Geleitet wird die Gruppe von Barbara Plankensteiner, Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, Kulturen und Kunst der Welt (MARKK).

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„Alle beteiligten Museen befürworten, dass Benin-Werke zurück nach Nigeria gehen. Sie wollen mit Objekten und Leihgaben zu dem neuen Museum in Edo State beitragen und unterstützen beim Aufbau durch Expertise und Fundraising“, sagt Plankensteiner. Träger des Museums ist ein Trust in Benin-City, der sich 2020 gegründet hat.

Drei Bronzen aus dem Benin in Westafrika sind derzeit im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) ausgestellt. Betreut werden…Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Er soll Strukturen schaffen, ein Team zusammenstellen und Geld auftreiben. Wann das Museums eröffnet, kann Plankensteiner nicht absehen. „Der Gouverneur ist kürzlich wiedergewählt worden. Das ist gut, er hat es zu einem seiner Hauptprojekte gemacht. Ich hoffe, dass es in seiner Amtszeit, von vier bis fünf Jahren, realisiert werden kann.“

Nigerianischen Wissenschaftlern fehlen Informationen zu den Beständen in Europa

Auch ein Digitalisierungsprojekt, finanziert von der Ernst von Siemens Kunststiftung, ist auf dem Weg. „Digital Benin“ heißt es und soll, so Plankensteiner, an das neue Museum in Benin-City andocken. Die Online-Plattform will alle verfügbaren Informationen zu den weltweit verstreuten Benin-Objekten versammeln. Das hilft dann vor allem den nigerianischen Wissenschaftlern, die bisher keinen Zugang zu diesen Informationen hatten. Dabei fordert die Bundesregierung, dass die Objekte, die zurückgehen sollen, genau benannt werden.

Von den etwa 180 Benin-Werken im Besitz des Hamburger Museums am Rothenbaum sind im Moment nur drei ausgestellt, und zwar im dortigen Museum für Kunst und Gewerbe. Wie Dresden steht auch das MARKK vor einer Renovierung. Benin soll aber Thema der neuen Dauerausstellung bleiben. Wie die Präsentation aussehen wird, weiß Plankensteiner allerdings noch nicht. „Ich gehe davon aus, dass wir nach den Verhandlungen noch Werke hier zeigen können, weil es auch den nigerianischen Partnern wichtig ist, dass das Thema in der Welt bleibt.“

Und sind die anderen europäischen Länder, die am Dialog beteiligt sind, vielleicht weiter als Deutschland? „Alle warten darauf, dass sich die Dinge in Nigeria konstituieren. Einige Museen sind zu Restitutionen bereit, andere im Augenblick zu Dauerleihgaben“, sagt Plankensteiner. Aus ihrer Sicht hat sich dennoch in den vergangenen Jahren viel bewegt. „Vor zehn Jahren hat sich die Politik dafür noch nicht interessiert, so die Direktorin. Jetzt sei Offenheit da.

In Frankreich wird bereits restituiert

Nur in Frankreich macht man bereits Nägel mit Köpfen. Im französischen Parlament wurde 2020 beschlossen, 26 Statuen aus dem Pariser Museum Quai Branly zurückzugeben. Vor drei Jahren kündigte Präsident Emmanuel Macron erstmals die Rückgabe kolonialen Raubgutes an, beauftragte Kunsthistorikerin und TU-Professorin Benedicte Savoy und den Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr mit einer Studie zu den Bedingungen.

Ein Gesetz zur Unveräußerlichkeit von Kulturgütern aus nationalem Bestand wurde partiell außer Kraft gesetzt, um die Rückgabe zu ermöglichen. Und so werde es voraussichtlich auch bei weiteren Restitutionen gehandhabt, erklärte Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in einem Interview im Deutschlandfunk.

Die Benin-Sammlungsstücke aus dem Museum Quai Branly stammen aus dem königlichen Schatz von Abomey, nicht wie die Objekte in Berlin und Dresden aus dem ehemaligen Königreich Benin. Sie gehen also an den Nachbarstaat Nigerias zurück, an Benin, wo sie zu Kolonialzeiten entwendet worden sind.