Bei Hertha BSC spielt auch der Kopf mit

Anfang der Woche hat Pal Dardai seine Mannschaft vor die Wahl gestellt: Sie durfte sich aussuchen, ob sie lieber auf einem akkurat gesäuberten Kunstrasenplatz trainieren wollte. Oder doch lieber im Schnee. Die Mannschaft entschied sich für eine Einheit Schneefußball. Und auch wenn Dardai das so nicht gesagt hat: Diese Entscheidung dürfte ihm gefallen haben.

Manchmal sind Fußballer nicht anders als kleine Kinder, die entdecken, wie viel Spaß man im Schnee haben kann. So war es am Montag auch bei Hertha BSC, als die Profis ihr erstes Training vor dem Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart (Samstag, 15.30 Uhr) absolvierten. Da war viel kindliche Freude dabei. „Es war überhaupt nicht schlimm, dass wir die Einheit geopfert haben“, sagt Pal Dardai.

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Dabei hat Herthas neuer Trainer gerade wirklich genug zu tun. „Wir müssen einen Neuaufbau machen, eine Achse finden“, sagt er. Und das im laufenden Betrieb. Eine echte Vorbereitung, um seine neue Mannschaft richtig kennenzulernen, steht ihm nicht zur Verfügung. Und auch wenn die Zeit drängt: Die Lust und der Spaß dürfen auch und gerade in schwierigen Tagen nicht zu kurz kommen. „Ich kann keine Spieler gebrauchen, die in der Kabine sauer sind“, sagt Dardai.

Die Lage ist eh schon ernst genug. Und auf den ersten Blick ist sie sogar noch ein bisschen ernster geworden, seitdem Dardai den Job als Cheftrainer bei Hertha übernommen hat. Zu den beiden Niederlagen vor der Entlassung von Bruno Labbadia sind nach seiner Entlassung noch einmal zwei hinzugekommen. Kein Team der Bundesliga hat seit Beginn des Jahres weniger Punkte geholt als Hertha BSC. Ganze vier waren es in sieben Spielen.

Der Abstieg ist mehr als nur eine latente Bedrohung

Arne Friedrich, der Sportdirektor des Berliner Fußball-Bundesligisten, spricht inzwischen von „einer sehr herausfordernden Situation“. Der Abstieg ist von einer latenten Bedrohung zu einer schon deutlich realeren Gefahr geworden. Und dass der Misserfolg ganz schnell eine eigene Dynamik entwickeln kann, das wissen sie bei Hertha BSC schließlich aus eigener leidiger Erfahrung.

Vor neun Jahren startete die Mannschaft vom vermeintlich beruhigenden elften Tabellenplatz in die Rückrunde. Es folgten sechs Niederlagen am Stück und schließlich der Abstieg. Auch deshalb verkennt bei Hertha im Moment niemand den Ernst der Lage.

„Wir brauchen nicht zu erzählen, dass alles schön ist“, hat Dardai nach der ehrenhaften 0:1-Niederlage gegen die Bayern vor einer Woche gesagt. „Wir müssen jetzt punkten.“ Dass das nicht ganz so einfach ist, wusste Herthas neuer Trainer allerdings schon bei seinem Amtsantritt. Der Spielplan hatte und hat es in sich. Die ersten Gegner Frankfurt, Bayern, Wolfsburg und Leipzig belegen in der Tabelle aktuell die Plätze vier, eins, drei und zwei. Da nimmt sich die nun anstehende Aufgabe beim Aufsteiger und Tabellenzehnten Stuttgart fast schon einfach aus.

Die Bilanz beim VfB Stuttgart sieht eher dürftig aus

Dass sich daraus quasi eine Pflicht zum Siegen ergibt, sieht Trainer Dardai allerdings nicht so. Auf dem Papier mag der VfB für Hertha BSC in diesen Wochen der leichteste Gegner sein. Dass es leicht werden wird, lässt sich historisch und statistisch jedoch nicht belegen. In seiner ersten Amtszeit als Trainer bei Hertha hat Dardai in Stuttgart bei vier Versuchen einen einzigen Punkt geholt, die letzten drei Spiele gingen verloren. Und als Spieler lief es für Dardai nicht wesentlich besser. Von 21 Pflichtspielen in Stuttgart gewann Hertha drei, elf entschied der VfB für sich.

„Ich will keinen unnötigen Druck aufbauen“, sagt Dardai. „Warum soll ich also erzählen: Wir müssen da gewinnen?“ Schon bei seinem Amtsantritt hat er auf die psychologisch anspruchsvolle Situation mit dem komplizierten Auftaktprogramm verwiesen, davon gesprochen, dass man auch einen Plan B haben müsse, wenn sich die Erfolgserlebnisse nicht gleich einstellten. „Die nächsten Spiele können noch mehr Sachen bringen, die nicht gut aussehen, da müssen wir vorbereitet sein“, sagt Dardai.

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Aktuell greift er auf einen psychologischen Kniff zurück, den er auch in seiner ersten Amtszeit schon angewandt hat und den er dann irgendwann nicht mehr für notwendig erachtete. Dardai unterteilt den Spielplan jetzt wieder in Blöcke zu je vier Spielen und gibt dem Team für jeden Block eine zu erzielende Mindestpunktzahl vor. Das soll den Spielern eine gewisses Gefühl der Sicherheit verschaffen, wenn sie wissen, dass sie die Vorgabe selbst nach einem Misserfolg noch erfüllen können. Für den aktuell laufenden Viererblock, so Dardai, „habe ich eine machbare Punktzahl aufgeschrieben“.

Mit allem, was er tut und sagt, versucht Herthas Trainer seinem Team den Druck zu nehmen. „Die Spieler haben null Komma null Druck“, erklärt er. Der Trainer lobt die spielerischen und mannschaftstaktischen Fortschritte, den Eifer im Training. Wenn die Mannschaft so weiter arbeite, „kommen irgendwann auch die Punkte“, prophezeit Dardai. Nach seiner Rechnung muss das Team bis zum Saisonende noch 18 bis 20 Zähler holen, um den Abstieg zu verhindern.

„Am letzten Spieltag müssen wir uns für die Bundesliga qualifiziert haben“, sagt Pal Dardai. Am letzten Spieltag tritt Hertha bei der TSG Hoffenheim an. Genau wie 2015, als Dardai zum ersten Mal in großer Not als Trainer eingesprungen ist. Hertha verlor 1:2, es wurde zwischenzeitlich noch einmal richtig knapp. Aber es reichte.