Bei Eintracht Frankfurt tragen sogar die Stars Preisschilder

Eintracht Frankfurt muss sparen und das heißt wohl: Wahrscheinlich gibt es in der neuen Bundesliga-Saison wieder nur Mittelmaß.




Trainer Adi Hütter freut sich über einen neuen Vertrag bis 2023.Foto: dpa

Am 18. September startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison. In unserer Serie testen wir die Vereine. Heute Teil zehn: Eintracht Frankfurt.

Was hat sich verbessert?

Der Spielplan. 55 Pflichttermine standen im Vorjahr im Eintracht-Kalender, drei mehr als bei Triple-Sieger Bayern. Der über zwei Jahre andauernde Party-Marathon in Europa- und DFB-Pokal führte fast zu einem Burnout in der Bundesliga. Erst nach der Corona-Pause zeigten die Frankfurter Vielspieler, wozu sie mit mehr Frische fähig wären: Platz sechs in der Rückrunden-Tabelle. Dass Europa dennoch verpasst wurde, kann Trainer Adi Hütter verschmerzen. Der Österreicher hat endlich wieder genug Zeit zum Trainieren und vor Freude seinen Vertrag bis 2023 verlängert.

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Wer sind die Neuen?

Fußballerische Fortschritte durch tägliches Training werden nötig sein. Denn verstärkt hat sich die Eintracht kaum. Gerade zwei Millionen Euro Ablöse wurden bisher investiert, immerhin in einen gebürtigen Frankfurter: Ragnar Prince Friedel Ache, in Hessen und Holland groß geworden. Der U-21-Nationalstürmer wird aber noch Zeit brauchen, ebenso wie die ausgeliehenen Rückkehrer Tuta und Aymen Barkok, ebenfalls ein Ur-Frankfurter. Mit Steven Zuber kam ein solider Schweizer aus Hoffenheim, leider im Tauschgeschäft für Mijat Gacinovic, einem der letzten Pokalhelden von 2018. Ein dribbelstarker Rechtsaußen soll noch kommen, dem Mittelfeld täte mehr Kreativität gut. Doch für weitere Neue müsste erst jemand gehen. 30 Profis sind ohnehin zu viel für zwei Wettbewerbe.

Wer hat das Sagen?

Oliver Frankenbach. Der stille Finanzvorstand war wohl wenigen Frankfurt-Fans ein Begriff, bis er vorrechnete, dass sich der Umsatz von 280 Millionen Euro durch die Corona-Krise halbieren wird. Seitdem regiert der Rotstift in Frankfurt. Selbst Stars wie Kevin Trapp, Filip Kostic oder Martin Hinteregger tragen Preisschilder, könnten bei guten Angeboten gehen. Eintrachts Sportvorstand Fredi Bobic wird wohl dann wie immer bis zum letzten Tag des Transferfensters an Deals in alle Richtungen feilschen.

Vor allem die Vertragsverlängerung mit Daichi Kamada wird ein Balance-Akt, der Spielmacher will sich seinen Durchbruch im Vorjahr entsprechend entlohnen lassen. Soll die Eintracht sich das leisten? Zuletzt ist Bobic das glückliche Transfer-Händchen abhanden gekommen. Der Manager muss hoffen, dass Hütter mit mehr Training die Vorjahresflops Dost, Sow, Kohr und Durm auf Touren bringt. Und dass Stürmer André Silva die Treffsicherheit bestätigt, die er seit der Corona-Pause zeigt (acht Tore in zehn Spielen, nach Robert Lewandowski zweitbester Bundesliga-Torschütze seit dem Re-Start).

Was erwarten die Fans?

Viel Herzschmerz. Mit Sicht auf die wohl geschlossenen Stadiontore beim Heim-Auftakt gegen Bielefeld. Mit Blick auf die ausbleibenden Reise-Highlights in Europa. Und mit Erinnerung an die verstreute Büffelherde Jovic, Haller und Rebic, deren Wucht in der Offensive sehr vermisst wird. Auch der neue Stadionname, wieder mal hat eine Großbank den Zuschlag bekommen, löst keine großen Gefühlsstürme aus. Euphorie wird es wohl nur geben, wenn ein echter Frankfurter durchstartet: Ache oder Barkok.

Was ist in dieser Saison möglich?

Leider vieles. Von Saisonabbruch wegen zweiter Welle bis Rückkehr der Fans gibt es zu viele Szenarien. Sportlich sowieso. Wahrscheinlich wird’s wohl wieder Mittelmaß. Daher könnte es sein, dass die Eintracht-Fans einen neuen Liebling entdecken: Die Fußballerinnen des 1. FFC Frankfurt, die sich dem Verein als Frauen-Abteilung angeschlossen haben. Der Auftakt am Sonntag ist mit einem 5:1 gegen Bremen gelungen, in der Bundesliga winken Platz drei und Champions League. Endlich wieder Eintracht in Europa…

Und sonst?

Gibt es eine Alternative zu tristen Geister-Kicks und zu vielen freien Abenden unter der Woche: Mal wieder ein gutes Buch lesen. Die „Fußballfibel Eintracht Frankfurt“ ist im Sommer im Verlag Culturcon erschienen und erzählt in elf Kurzgeschichten von Vereinslegenden wie Yeboah, Okocha, Fjörtoft, Nikolov, Meier oder Rebic (selbst Andy Möller kommt zumindest vor). Diese Empfehlung ist natürlich gänzlich unparteiisch und hat nichts mit der rein zufälligen Namensgleichheit zwischen dem Autor dieses Artikels und dem Autor der Fußballfibel zu tun. Und es gibt natürlich noch weitere spannende Bücher über die Eintracht.

Bisher erschienen:

Teil 1: VfB Stuttgart – sympathisch und unerfahren wie nie
Teil 2: Arminia Bielefeld ist immer für eine Überraschung gut
Teil 3: Werder Bremen will endlich wieder Spaß
Teil 4: Der FC Augsburg sucht eine neue Hierarchie
Teil 5: Glück allein wird dem 1. FC Köln nicht reichen
Teil 6: Mainz 05 will aus der Jugend eine Tugend machen
Teil 7: Auf Schalke glänzt nur noch die Knappenschmiede
Teil 8: Der 1. FC Union ist auf allen Ebenen aktiv
Teil 9: Hertha BSC und ein Sack voller Zweifel