Becketts Kopf

Es gibt im Etruskischen Museum der toskanischen Stadt Volterra als Attraktion eine magische Figur. Sie ist rund 2500 Jahre alt, ein Jüngling aus Bronze, kaum 60 Zentimeter hoch, spindeldünn und in seiner völligen Erstarrung, nackt, mit eng angelegten Armen, wie verzaubert. Wie aus einem fernen kindertraumhaften Leben gerissen und jetzt in unsere Gegenwart gebannt. Jeder Kunstkenner denkt heute bei der überschlanken Gestalt, die in Volterra den Titel „ombra della sera“ („Schatten des Abends“) trägt, sofort an Giacometti.

Nun aber scheint dieser Wunderling aus längst versunkenen Zeiten einen Wiedergänger in unserer Gegenwart gefunden zu haben. Denn wer in Potsdam nicht weit von dem Kunstareal um das Hans Otto Theater am Tiefen See gegenüber von Schloss Babelsberg den Weg über einen Hinterhof in einen ehemaligen Pferdestall der einstigen preußischen Militärkaserne findet, dem eröffnet sich in der „Cavalerie 26“ an der Berliner Straße eine erstaunliche Begegnung.

[Wenn Sie die aktuellen kulturpolitischen Entwicklungen in Berlin und Deutschland live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Rundum sind hier Werkstätten, kleine Ausstellungsorte, und in diesem Hof herrscht noch nicht der Potsdamer Sanierungsschick. Aber kaum fällt der Blick in den schwarz ausgeschlagenen, nur von wenigen Scheinwerfern wie für eine Off-Off-Theateraufführung beleuchteten ebenerdigen Raum der „Cavalerie“, ist das Auge gefangen: von einer leicht überlebensgroßen, sehr hageren, inmitten des früheren Stalls in einem Lichtkegel aufragenden Figur eines jungen Mannes.

Die Bronzeskulptur des sonst in der Öffentlichkeit kaum präsenten und ganz und gar außergewöhnlichen Berliner Bildhauers Anatol Erdmann trägt keinen Titel. Erdmanns Jüngling, der über alle Zeiten hinweg zu seinem etruskischen Vorgänger hinüberzugrüßen scheint, ist gleichfalls nackt. Er trägt die Arme mit nur einem Ansatz von zögerlicher Bewegung nahe am Körper, die in einer Bodenplatte eingewachsenen Füße stehen etwas verquer, deuten Gehen und Innehalten gleichermaßen an. Seinen Kopf hat der junge Mann eine Spur seitlich gewendet, er schaut wie ein scheuer Späher halb in den Himmel. Schaut hoffend ins Leben oder ahnungsvoll in den Tod.

Diese (alb)träumerische Assoziation nährt zudem der knapp aufgesetzte soldatische Helm, der das Militärische meinen kann oder nur eine metallische Kappe. Ein Kopfschutz, den heute auch manche Biker oder Motorradfahrer tragen. So wirkt dieser sonderbare Mensch wie selbst aus der Zeit gefallen. Ein im Fortschreiten Angehaltener, Gebannter, Ausgesetzter. Freilich steht er hier nicht allein, um ihn herum sind rund ein Dutzend kleinere Erdmann-Skulpturen gruppiert. Köpfe oder zierliche Figurengruppen, meist aus Bronze oder Gips, einmal auch fein vergoldet.

Bei Dissidenten und kundigen Sammlern gilt Erdmann fast schon als lebende Legende

Die nur jeweils an den Wochenenden oder auf Voranmeldung zu besichtigende Ausstellung ist eine Hommage an Anatol Erdmann. Der 1952 in Wologda, eine Tagreise nordöstlich von Moskau, geborene russlanddeutsche Künstler kam 1955 mit seiner Familie in die DDR und lebt seit 1964 in Berlin. 1968 war er aus der Schule geworfen worden, schlug sich nach dem Militärdienst bei der NVA als Bibliothekshilfskraft der Humboldt-Uni durch und bewachte (und durchstöberte) die für normale Studenten gesperrten „Giftschränke“ der nicht konformen Literatur und Kunstgeschichte. Seit 1978 arbeitet Anatol Erdmann als autodidaktischer freier Bildhauer: ein schöner, durch eine Erkrankung den Kunstbetrieb meidender, meist schweigender Mann.

Unter einst dissidentischen Autoren und Künstlern der ehemaligen DDR und einigen kundigen Sammlern gilt Erdmann fast schon als lebende Legende. In zwei Faltbroschüren zur Ausstellung haben Katja Lange-Müller, Uwe Kolbe, Hans Scheib oder Christoph Tannert dem so stillen wie intensiven Künstler schöne kurze Texte gewidmet. Der Bildhauer Hans Scheib notiert über Erdmann und dessen literarische Inspirationen: „Sein Sinn für die Komik des Absurden ist gewiss an Samuel Becketts Witz geschult worden, seine Sehnsucht nach Schönheit an der Radikalität Jean Genets gewachsen.“

[Cavalerie 26, Berliner Straße 26 D, Potsdam. 16. und 22./23.8., 14 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung unter Tel. 0174/712 30 01.]

Hans Scheib, der große Expressionist in seinen dramatisch-grotesken, erotisch-poetischen Holzskulpturen, hatte einst einige Jahre mit Erdmann sein Atelier am Prenzlauer Berg geteilt und mit ihm zusammen ein Werk im Treptower Park geschaffen. Jetzt hat er, unterstützt von dem Potsdamer Arzt und Kunstförderer Bert Hauser, den Bronzeguss des stehenden, gehenden Jünglings „o. T.“ mitsamt der Präsentation in Hausers „Cavalerie 26“ ermöglicht. „Die grandiose Figur stammt von 1980, war nur aus Gips und drohte allmählich zu zerfallen“, schreibt Scheib. „Darum wollten wir sie dauerhaft bewahren.“

Tatsächlich steht sie nun vierzig Jahre später neben ihren viel kleineren Gefährten, etwa einer schwebenden, spinnwebfeinen „Seiltänzerin“, wie ein Sinnbild unserer gerade so absurd verfremdeten Gegenwart. Ein trauriger Clown, ein komischer Heiliger. Ein schmaler Jedermann. Auch das lässt an Becketts Figuren denken, die genau wie der hagere Jahrhundertdichter ihrerseits an Giacomettis von allem Fett des Überflüssigen befreite Skulpturen erinnern. Dieser Eindruck, dieser Ausdruck eines öffentlich bislang unbekannten Meisterwerks ist eine stille Sensation.