Ayad Akhtar ist mit seinem Land in Frieden unversöhnt

Die Frage der Trennung von Autor und Werk gehört, gerade in den erzählenden Künsten, zu den weniger interessanten und selten auch erhellenden Aspekten. Da der Begriff der „Autofiktion“ in der Ära Donald Trumps aber ein kleines Revival erfahren hat, steckte in der Frage nach der Faktizität der Fiktion zuletzt wieder eine besondere Brisanz. Für den amerikanischen Schriftsteller und Dramatiker Ayad Akhtar, der denselben Namen wie der Erzähler seines Romans „Homeland Elegien“ (aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Claassen Verlag, Berlin 2020. 464 Seiten, 24 €) trägt, obwohl er diesen dezidiert nicht als autobiografisch verstanden wissen möchte („Ich gehöre zu den Schriftstellern, die Tatsachen verdrehen müssen, um sie desto deutlicher sehen zu können“, erklärt er im Vorwort), könnte die Frage der Sprecherposition sogar eine existenzielle sein. „Vielleicht werde ich die Veröffentlichung nicht überleben“, meint er lakonisch.

Eine Rechtfertigung ist der Ausgangspunkt von „Homeland Elegien“. Doch je länger Akhtar in seiner Familiengeschichte stöbert – seine Eltern wanderten Ende der sechziger Jahre aus Pakistan ein –, desto weniger ist er gewillt, seine neue Heimat zu verteidigen. Amerika habe als Kolonie begonnen und sei es bis heute, „ein Ort, wo Bereicherung vorrangig und die bürgerliche Ordnung nur ein Nachgedanke“ ist, wie es in der „Ouvertüre“ seines Romans heißt.

Dabei hätte Ayad Akhtar allen Grund, stolz zu sein. Seine Biografie liest sich wie eine Erfolgsgeschichte, die sich die Einwanderernation Amerika nicht schöner selbst schreiben könnte. Der Vater ist ein berühmter Herz-Spezialist, die Mutter ebenfalls Ärztin, ihr einziger Sohn schafft es aus einem Provinznest in Wisconsin nach New York, wo er 2013 den Pulitzer-Preis für sein Theaterstück „Disgraced“ gewinnt. In diesem fällt auch der verhängnisvolle Satz, den einige seiner Landsleute für erklärungsbedürftig befanden.

Heimlicher Stolz an 9/11

In „Disgraced“ lädt ein pakistanischstämmiger Anwalt, der kurz vor seiner Beförderung zum Juniorpartner steht, eine Gruppe von Freunden, der typische New Yorker Mix aus Finanz- und Kunstszene, zum Abendessen ein. Bald schon geht es beim Tischgespräch um das Thema Religion, in der Schlüsselszene gesteht der Anwalt, ein nicht-gläubiger Muslim, dass er nach 9/11 – zu seiner eigenen Verblüffung – „vor Stolz errötet“ sei. Dass der vermeintlich rückständige Islam Amerika gibt, was es schon lange verdient hat, empfand er als Genugtuung.

Akhtar kehrt in „Homeland Elegien“ mehrmals zu dem sieben Jahre alten Stück zurück. Es entwickelt sich zum Dreh- und Angelpunkt für seine Auseinandersetzung mit der eigenen Ambivalenz gegenüber Amerika und dem Verhältnis der Eltern zu ihrer neuen Heimat, die die Neuankömmlinge über Jahrzehnte wie Fremde behandelt hat. Die Reaktion, die Akhtar nach der Premiere am häufigsten erlebte, war Misstrauen.

Wie viel von ihm selbst in die Figur des Anwalts geflossen sei, wollte man immer wieder von ihm wissen. Irgendwann realisierte Akhtar, worum es ihnen eigentlich ging: „Wenn man mich fragt, ob das Stück autobiografisch ist, will man in Wirklichkeit etwas über meine politische Einstellung wissen.“ Ist der „muslimische“ Autor Ayad Akhtar beim Anblick der einstürzenden Türme möglicherweise auch vor klammheimlicher Freude errötet?

Für die Antwort nimmt sich Akhtar fast fünfhundert Seiten und über zwanzig Jahre Zeit, in denen seine Liebe zu Amerika ein ums andere Mal erschüttert wird. Um am Ende doch eine überraschende Wendung zu nehmen. Nach einem islamophoben Zwischenfall mit einem Kfz-Mechaniker im tiefsten Pennsylvania im Jahr 2009, sozusagen das Initiationsmoment des Schriftstellers Ayad Akhtar, ist das Maß voll: „Eine Stunde später erreichte ich die Stadtgrenze und hatte einen Entschluss gefasst. Ich würde aufhören, so zu tun, als sei ich Amerikaner.“ Im Schlusssatz des Romans verkündet der Erzähler schließlich in Ermangelung einer besseren Alternative: „Amerika ist meine Heimat.“

Springen zwischen allen literarischen Formen

Versöhnlich klingt „Homeland Elegien“ auch da nicht. Ayad Akhtars Beobachtungen sind getränkt mit schwarzem Humor und Sarkasmus, etwa wenn er die Überlegenheit des Westens gegenüber dem „schmutzigen“ Islam mit der beiläufigen Feststellung konterkariert, dass die Amerikaner sich sauber fühlen, obwohl sie sich den Hintern nur mit trockenem Toilettenpapier abwischen.

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Das Pauschalurteil der „Great American Novel“ wird von der Kritik ja gerne mal gefällt, wenn ein Schriftsteller so anstrengungslos zwischen den literarischen Formen zu wechseln versteht wie Akhtar. Er beherrscht alles: den pointierten Dialog, den politischen Essay, die szenische Miniatur, die Farce, den Bildungsroman. Und dabei klingt es nie wie Stückwerk, weil er mit seinem Ich-Erzähler über eine markante Stimme verfügt. Man muss die Messlatte aber gar nicht so hoch hängen. „Homeland Elegien“ ist ein Epochenroman, der um drei für alle Amerikaner, insbesondere aber für amerikanische Muslime, einschneidende Ereignisse kreist: 9/11, die Finanzkrise 2008 – und die Wahl von Donald Trump.

Es gibt sogar eine persönliche Verbindung zwischen Trump und den Akhtars. Ayads Vater Sikander behandelte den damals noch als High-Society-Zampano berüchtigten Immobilienspekulanten wegen eines seltenen Herzleidens; als „Trumps Arzt“ schien er endlich angekommen zu sein in den Vereinigten Staaten. Im Jahr 2016, da war die Patientengeschichte nur noch eine schwache Erinnerung, wählte er Donald Trump sogar, trotz dessen rassistischer Ausfälle, trotz des angedrohten Einreiseverbots für Muslime. Aber Sikander Akhtar war ja Amerikaner, was hätte ihm schon groß passieren können?

Enttäuschung über Amerika

Ayad Akhtars Gefühl der Enttäuschung zieht sich durch „Homeland Elegien“, auch wenn er im Streit mit dem Vater einsieht, welche Privilegien er in den USA genießt. Trotzdem werde er kein Loblied singen, warnt er im Vorwort. Eine Abrechnung ist der Roman dann aber auch nicht, eher ein gezielter Rundumschlag.

Seine Invektiven richten sich genauso gegen fundamentale Islamisten wie gegen Ostküsten-Liberale, die in ihm die rationale Stimme aller Muslime sehen wollen. Kein Wunder, dass Salman Rushdie auf dem Buchdeckel der deutschen Ausgabe zu Akhtars Laudatoren gehört. Von seiner Mentorin hingegen handelt sich der junge Literaturstudent Ayad eine Abfuhr ein, als er sich als Rushdie-Fan outet.

Etwa zur selben Zeit, als in New York sein Stück erfolgreich aufgeführt wird, lernt Akhtar einen Mann kennen, der sich seinen Platz in Amerika mit der einzigen Währung erkauft hat, die Leuten wie ihm Zutritt verschafft: Reichtum. Der Hedgefonds-Manager Riaz Rind führt Akhtar in Kreise ein, die ihn realisieren lassen, wie fremd ihm dieses Amerika im Grunde ist. Riaz benutzt sein Geld, um dem Islam in Amerika ein positives Image zu geben.

Die kulturellen Gräben lassen sich nur ökonomisch überwinden, erklärt er seine Strategie. Der Fortschritt des Westens gehe zurück bis ins alte Rom, zur „Erfindung der Kapitalgesellschaft“. Das traditionelle muslimische Erbrecht stellt dagegen die Familie über Vermögenswerte. „Wir“, resümiert Riaz, „sind zurückgefallen, weil wir uns mehr um Menschen als um Geld gekümmert haben.“

Die Weltpolitik lauert hinter der nächsten Ecke

In der Engführung von Biografien und globaler Politik erinnert „Homeland Elegien“ an George Packers Finanzkrisen-Reportage „Die Abwicklung“; nur dass bei Akhtar nie klar ist, welche Details erfunden sind. Immer wieder ertappt man sich dabei, dass man beim Lesen Google zu Rate ziehen möchte.

Wie heißt Riaz Rind wirklich? Kannte Ayad Akhtars Vater, tatsächlich ein erfolgreicher Kardiologe, Donald Trump? Und gab es Latif, den Jugendfreund der Mutter, der bei einem Drohnenangriff in Pakistan ums Leben kam? Akhtar verwischt virtuos die Spuren, weil seine Beobachtungen voll lebendiger Details stecken, die Figuren bei aller dramatischen Verdichtung mehr sind als bloße Funktionsträger.

Die Unversöhnlichkeit zwischen der Generation Ayads und Amerika lässt sich am besten an einer kleinen Episode festmachen: Am 2. Mai 2011 wird Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad von einer amerikanischen Spezialeinheit getötet, nur wenige Straßenzüge vom Haus der Schwester Sikanders entfernt. Die Weltpolitik lauert in „Homeland Elegien“ gleich hinter der nächsten Ecke. Die Frage, wie viel von ihm in der Figur aus „Disgraced“ steckt, beantwortet Akhtar übrigens auch noch: Eine abfällige Bemerkung der Mutter habe ihn zu dem Satz inspiriert. „Die Liebe zu Amerika und der feste Glaube an seine Überlegenheit waren in unserem Haus ein Credo“, erinnert er sich. Akhtars Roman ist, mehr als alles andere, ein Klagelied über die gescheiterten Träume seiner Eltern.