Aus dem System verschwunden

Die Freude bei Simon Schempp währte nur kurz. Erstmals in dieser Weltcup-Saison ging der Biathlet vergangenes Wochenende in Oberhof für das deutsche Team an den Start. Die erzielten Resultate allerdings – darunter ein 58. Platz im Sprint und ein 45. in der Verfolgung – waren ernüchternd.

So ernüchternd, dass der Deutsche Skiverband (DSV) den dreifachen olympischen Medaillengewinner für die aktuellen Wettkämpfe in Oberhof wieder aus dem Kader strich.

Der 32 Jahre alte Schempp scheint seinen Zenit überschritten zu haben und zu alt für Topleistungen zu sein. Auch seine Kollegen Arnd Peiffer, Erik Lesser und Philipp Horn, die ebenfalls alle über 30 sind, hatten in dieser Saison bislang oft Schwierigkeiten. Am Mittwoch wurden Peiffer und Lesser im Sprint von Oberhof aber starker Dritter und Vierter.

Trotzdem ist das hohe Durchschnittsalter im A-Kader, sowohl bei den Frauen und insbesondere bei den Männern, ein Problem: „Im Nachwuchsbereich haben wir meiner Ansicht nach noch einiges an Arbeit für die Zukunft vor uns, um langfristig konkurrenzfähig zu sein“, sagt Bernd Eisenbichler, Sportlicher Leiter Biathlon beim DSV.

Neues Trainingskonzept

Es dauere derzeit im Vergleich zu anderen Nationen zu lange, bis die Junioren auch im Seniorenbereich auf höchstem Wettkampfniveau ankommen würden.

International beeindrucken vor allem die Norweger und Schweden mit jungen Spitzenathleten. Zibi Szlufcik, der seit Sommer 2019 Nachwuchs-Cheftrainer beim DSV ist, mag den Vergleich mit anderen Ländern allerdings nicht: „In Deutschland werden Kinder mit dem Ball am Fuß geboren, in Norwegen mit Skiern.“ Man müsse sich auf sich selbst konzentrieren.

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Das haben die Verantwortlichen beim DSV getan. Der deutsche Perspektivkader ist verjüngt und sowohl die Schieß- als auch Lauftrainer des A-Kaders sind in die Ausbildung integriert worden. „Wir wollen unsere trainingsmethodische und inhaltliche Ausrichtung noch besser mit der Trainerschule abstimmen, um wirklich eine deutsche Handschrift deutlich zu machen“, sagt Sportdirektor Eisenbichler.

Außerdem werde gemeinsam mit den DSV-Trainern an einer neuen Trainingskonzeption gearbeitet. Neben der Ski- und Schießtechnik werden künftig auch die peripheren Trainingsbereiche wie Ernährung, Psyche und Athletik noch stärker berücksichtigt.

Frühe Überlastung verhindern

Die Förderbedingungen in deutschen Leistungszentren sind gut. Oft sind Schulen und Internate direkt angebunden, um Sport und Bildung besser zu vereinen. Viele deutsche Biathleten können sich im Jugendbereich noch auszeichnen.

Doch im Seniorenbereich tauchen sie dann oft nicht mehr auf. „Wir haben in den letzten Jahren 24 junge Athleten und Athletinnen verloren, die zuvor 36 Medaillen bei Jugendwettbewerben gewonnen haben“, sagt Szlufcik.

Das habe seiner Meinung nach unterschiedliche Gründe – einerseits berufliche Umorientierung und andererseits gebe es einen „Balanceakt“ zwischen früher Überreizung und bedachter Steigerung der Trainingsintensität und -umfänge: „Wir dürfen die jungen Athleten nicht verheizen, bevor sie im Seniorenbereich ankommen.“

Biathlon sei eine harte Ausdauersportart, es brauche Zeit, bis man vorwärtskomme und Erfolg habe.

Mit dem Blick nach vorn

Eine sportartenübergreifende Entwicklung macht das Unterfangen einer besseren Nachwuchsförderung jedoch nicht leichter.

„Der letzte Winter mit wenig Schnee und auch die jetzige Situation machen es nicht einfacher, Kinder für den Skisport im Allgemeinen zu gewinnen“, sagt Bernd Eisenbichler. „Wir müssen mehr und zielgerichteter in die Athletenrekrutierung investieren.“

Eisenbichler und Szlufcik wollen nicht in die Vergangenheit blicken, beim DSV schauen sie lieber gemeinsam nach vorne. Und sehen da durchaus Potenzial.

Gleichzeitig dämpft Nachwuchs-Chef Szlufcik zu große Erwartungen: „Das sind jetzt keine Neuner und keine Dahlmeier. Das waren Jahrhunderttalente.” Fundamentale Veränderungen könne es nicht in zwei Jahren geben. „Wir sprechen hier von einer Dekade“.