Augen zu hilft nicht

Es ist kaum zu glauben. Vier Direktoren großer Museen in Boston, Washington, Houston und London haben eine Ausstellung auf 2024 verschoben, weil sie dem Publikum den Umgang mit den Werken im Moment nicht zutrauen. Worum geht es? Um cartoonhafte Blätter mit Ku-Klux-Klan-Figuren, die der Maler Philip Guston in den Sechziger- und Siebzigerjahren gezeichnet hat.

Botschaft gegen Rassismus

In einer gemeinsamen Erklärung, unter anderem der Direktoren der Tate Modern in London und der National Gallery in Washington, hieß es, die Welt sei eine andere gewesen, als die Ausstellung „Philip Guston Now“ vor fünf Jahren geplant worden sei. Die Ausstellung würde verschoben bis Gustons Botschaft für soziale Gerechtigkeit und gegen Rassismus, die im Zentrum seiner Arbeit steht, „klarer interpretiert“ werden könne.

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Aber wann sollte das sein? Nach der US-Wahl, wenn vielleicht, aber nur vielleicht wieder ein vernünftiger Mensch im Weißen Haus sitzt? Sobald weiße Menschen sich ihren bewussten und unbewussten Rassismus eingestehen? Sobald Museumsdirektoren zeigen können, was sie für gut und richtig halten ohne Beipackzettel mitzuliefern? Aber das können sie doch! Und das müssen sie auch. Grade in schwierigen Zeiten, grade wenn die Gesellschaft gespalten ist. Gerade jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um Philip Guston zu diskutieren. Die Gefahr sei nicht, sich Gustons Arbeiten anzuschauen, sie liege darin, sie sich nicht anzuschauen, schreibt seine Tochter Musa Mayer in der „New York Times“.

Angst vor dem Ärger

Über hundert Kulturschaffende haben einen offenen Brief gegen die Verschiebung der Ausstellung unterschrieben. Vor allem Künstler und Künstlerinnen finden es unerträglich, wie schnell sich die Direktoren offenbar nicht mehr in der Lage sehen, Gustons Integrität zu begründen. „Die Menschen, die unsere großen Institutionen leiten, wollen keinen Ärger. Sie fürchten die Kontroverse. Sie haben kein Vertrauen in die Intelligenz ihres Publikums“, schreiben internationale bekannte Künstler*innen wie Matthew Barney, Nicole Eisenman oder Adrian Piper. Mittlerweile haben sich rund 2 000 Menschen dem Protest angeschlossen.

Kind von Immigranten

Dabei ist es doch, auch ohne lange Vorlaufzeit, machbar, den notwendigen Kontext zu Philip Guston (1913–1980) zu liefern. Guston, dessen jüdische Familie aus der Ukraine in die USA einwanderte, bewegte sich als junger Mann in einem sehr linken Umfeld, zunächst malte er abstrakt, dann gegenständlich, was ihm viel Kritik einbrachte, vor allem aus Kunstkreisen. Eine seiner frühen Ausstellungen sei von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern zerstört worden, erzählte der Sammler und Guston-Kenner Harald Falckenberg in einem Interview. Einige Jahre lang, bis 1973, malte Guston Zeichnungen mit Ku-Klux-Klan-Figuren, um das Phänomen und auch die Anziehungskraft des Bösen zu untersuchen. Mal zeigte er die Figuren in banalen, alltäglichen Situationen, mal steckt der pinselschwingende Künstler selbst unter der Rassismus-Haube. Guston prüfte sich, als Künstler und als Weißer, klopfte sich auf unbewusste Einstellungen ab. Das sollten wir alle tun. Vor allem diese vier Museumsdirektoren müssen das tun. Statt auf Pause zu drücken.