Aufbruch ist alles

So beginnen Heldenreisen. Mit schlichtem Losgehen. Mit dem Aufkündigen von Verpflichtungen, dem Abschied vom Gewohnten, dem Aufbruch ins Unbekannte. Stolpernd, ängstlich, aber entschlossen, so wie es die 16-jährige Hauptfigur Edda in der „Der König der Krähen“ hält.

Den ersten Band ihrer „Silbermeer-Saga“, widmet Katharina Hartwell all denen, „die losgehen“. Dass Eddas Reise abenteuerlicher ausfällt, als herkömmliche Atlanten verzeichnen, verheißt schon die Fantasy-typische Landkarte vorne im Einband. Von geografischen Bezeichnungen wie Teermeer, Silbersee oder dem Reich der Wassermänner hat man bisher ebenso wenig gehört wie von Inseln namens Akoban, Astador, Perendrin oder Okren.

Edda ist spröde und wahrheitsliebend

Sie sind der Fantasie der 1984 geborenen Schriftstellerin entsprungen, die sich nach den von der Kritik gelobten Romanen „Das fremde Meer“ und „Der Dieb in der Nacht“ nun an eine Trilogie für jugendliche Leser wagt. Die sind im Fantasy-Genre – wie in der Belletristik überhaupt – meist Leserinnen. Da bietet sich eine identifikationsfördernde Heldin wie die spröde und wahrheitsliebende Edda an.

Edda und ihr kleiner Bruder Tobin sind Findelkinder. Ihr Ziehvater ist Fischer, wie alle Männer in Colm an der Westküste der Silbersee. Das strenge, ärmliche Leben der Dörfler dreht sich um das kostbare „Colmin“, eine aus Fischhäuten gewonnene Paste, die vergiften, aber auch heilen kann.

Und wie sich das für märchenhafte Geschichten gehört, liegt auf der archaischen Welt ein Fluch. „Wie in jedem Jahr war der Winter gerade erst zur Erinnerung geworden und die Ankunft des Frühlings zur Gewissheit, als die Kaltwochen über Colm hereinbrachen.“ Jene Zeit, „in der sich die Angst wie dickflüssiger Schlick“ durch die Straßen schiebt. Die Furcht der Familien nämlich, eine Tochter oder einen Sohn als „Seekind“ an das Meer zu verlieren.

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So geschieht es eines Nachts Tobin. Er verschwindet aus seinem Zimmer. Nichts bleibt zurück außer einer schwarzen Feder. Die verzweifelte Edda sucht Rat bei einer weisen Hexe. Und obwohl die Menschen in Colm nichts mehr fürchten als die See und ihre Ungeheuer, schließt sich Edda einem geheimnisvollen Fremden an. Er nimmt sie im Boot mit hinaus in die Weiten des Inselreichs, wo Edda den Bruder wieder zu finden hofft.

Katharina Hartwell baut ihre von exotischen Kreaturen bevölkerte Reise wie eine Schnitzeljagd auf, in der Hinweise, Gegenstände oder symbolische Träume Edda von einer Insel zur nächsten und von einem Gefährten und einer Herausforderung zur nächsten führen. Und weil die Saga die Entwicklungsgeschichte eines Teenagers mit rätselhaftem Stammbaum ist, fungiert sie als doppelte Identitätssuche.

Mädchen sollen sprechen, Männer zuhören

Heraus aus der drückenden Enge eines autoritären Dorfes, in dem es weder Bildung und Entwicklungschancen gibt, hin zur Selbstermächtigung einer jungen Frau, die auf vormodern geknechtete, aber auch stolze Geschlechtsgenossinnen trifft. Die Schwesternschaft der Carpaunen etwa, amazonenhaften Nixen, die Eddas erwachsenen Begleiter anherrschen: „Das Mädchen muss sprechen, und du musst zuhören.“

Dass sich ihr Jugendbuch zur Trilogie auswächst, hat Hartwell nicht geplant. Klar war nur die grobe Struktur, erzählt sie im Gespräch. Eine Reise, eine Heldin, wechselnde Gefährten, ein verschwundener Bruder. „Dann merkte ich, dass ich auf Seite 200 immer noch nicht von der Küste weg bin“, lacht sie und plante üppiger. „Inzwischen habe ich endlose Stammbäume und mehrere Zeitstrahle, auf denen Ereignisse verzeichnet sind.“ Dazu Listen, die immer weiter ergänzte Landkarte und Notizbücher.

Der erste Band der Silbermeer-Saga: Der König der KrähenFoto: Loewe Verlag

Hartwell lebt seit 2014 in Berlin-Moabit. Zuvor hat sie Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main und anschließend Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Ihre Laufbahn ist gespickt mit Wettbewerben und Stipendien. Sie gewann den MDR-Literaturpreis, war Finalistin beim Berliner Open Mike, Stipendiatin des Literarischen Colloquiums und der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Als Sylter Inselschreiberin konnte sie 2013 Naturimpressionen sammeln. „Das fremde Meer“ gewann 2014 den Fantastikpreis „Seraph“, obwohl die in zehn Episoden durchdeklinierte Liebesgeschichte eher ein virtuoses Ausloten erzählerischer Grenzen als Fantasy ist.

Sich nur mit einer Wirklichkeit zu begnügen, ist Katharina Hartwells Sache nicht. Sie will große Welten aufmachen. Nicht auf den Punkt erzählen, sondern Leserinnen einen Raum geben, in dem sie sich bewegen und immer neue Türen finden können. „In der Erwachsenenliteratur bin ich sehr viel unversöhnlicher und harscher“, sagt sie. Im Jugendbuch sei jedoch Optimismus, sei Hoffnung angemessen.

Professionalisierung hat einen Preis

Der Wunsch, Jugendbücher zu schreiben ist aus Hartwells Ernüchterung über den Pragmatismus des Literaturbetriebs entstanden. Professionalisierung hat einen Preis. Und der bestünde darin, nicht mehr naiv und begeistert, sondern taktisch zu schreiben.

Im Literaturinstitut sei es stets um kritisches Lesen, Ansprüche, Optimierung gegangen. Im Autorinnenberuf dann um Shortlist, Longlist, Kritiken, Verkaufszahlen. „Als Jugendliche war Lesen mein größtes Glück.“ An diesen Ursprung sehnte sie sich als Schriftstellerin zurück. Allerdings ohne ihrer Hauptfigur einen kindlichen Charakter zu verpassen. Edda und ihre Gefährten verfügen über eine komplexe Psychologie.

[Katharina Hartwell: Die Silbermeer-Saga, Band 1, Der König der Krähen, Loewe Verlag, 616 S., 19,95 €. Ab 14 Jahren]

Auch die gesellschaftlichen Strukturen, die die Odyssee streift, fallen vielschichtig aus. Sicher stehe die Fantastik zu recht unter Eskapismus-Verdacht, bestätigt Hartwell. Sie ist einst selbst in Tolkiens „Herr der Ringe“ abgetaucht, der Trilogie, durch die die moderne Fantasyliteratur hoffähig wurde.

Finstertentakel, Drachenrochen und Tumbtaumler

Als Autorin hat sie aber andere Gründe, nach einem realistischen Roman wie „Der Dieb in der Nacht“ wieder zur Fantastik zurückzukehren. Die habe eine Art von Sprache, die dienlich sei, um über das Jetzt zu reden, glaubt Hartwell. „Es ist ein Verrücken. Ich gebe den Dingen neue Namen, eine andere Geografie und kann dabei über gesellschaftliche Fragen sprechen.“

Das werde im zweiten Band „Die Fließende Karte“, der im März erscheint, noch deutlicher, wo es um kolonisierte Inseln, Ethnien, Unterdrückung gehe. Sie wolle durchaus die Welt erklären, sagt Hartwell, „aber so, dass es die Freude am Lesen nicht verdirbt“.

Worterfindungen wie Finstertentakel, Drachenrochen, Tumbtaumler befeuern Bilder im Kopf. Und in der „Alten Sprache“, auf die Edda als eine Art Natur-Idiom zur Bezeichnung des wahren Wesens der Dinge trifft, meint man ein Motiv aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ wieder zu erkennen. Katharina Hartwell verneint. Nicht Ende, sondern ihre Poststrukturalismus-Studien haben das Sprachmotiv beeinflusst. Die Frage „Wie sieht eine Sprachmagie aus, die tatsächlich die Natur der Dinge ändert?” werde im dritten Teil verhandelt. An dem sitzt die Autorin gerade. Abgabetermin ist August. Sieben Lebensjahre hat die „Silbermeer-Saga“ dann verschlungen.