Auf Schalke glänzt nur noch die Knappenschmiede

Missmanagement hat Schalke dem Abgrund nahe gebracht. In der kommenden Saison zählt allein der Klassenverbleib.




Ist derzeit ziemlich alleingelassen: Schalkes Trainer David Wagner.Foto: imago images/RHR-Foto

Am 18. September startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison. In unserer Serie testen wir die Vereine. Heute Teil sieben: Schalke 04.

Was hat sich verbessert?
Zweifellos die Haltung gegenüber den eigenen Zielen. Denn wohl noch nie in den vergangenen mindestens zehn Jahren sind sich die Verantwortlichen des Klubs so sehr darüber im Klaren, dass eine Qualifikation für den internationalen Wettbewerb in der anstehenden Saison eher einer Sensation gleichkommen würde. “Richtig ist, dass wir unsere Etatplanung nicht mehr an das Erreichen des Europapokals koppeln. Dabei geht es um wirtschaftliche Vernunft”, sagt S04-Sportvorstand Jochen Schneider. Diese war ja in den vergangenen Jahren bekanntlich rund um den Schalker Markt unter die Räder gekommen. Die rund 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten sowie die Auswirkungen der Corona-Pamndemie, die den Verein beinahe in den bankrott befördert hätte, lassen keine Spielräume mehr zu.

Wer sind die Neuen?
Ein 36-Jähriger ehemaliger Berliner ist der neue Hoffnungsträger im Schalker Sturmzentrum. Der ablösefreie Vedad Ibisevic soll die akute Torarmut der Offensive (Guido Burgstaller: Null Saisontore in der vergangenen Bundesligasaison) beenden. Geld für Transfers ist beim S04 schließlich nicht vorhanden. Die zuletzt verliehenen Sebastian Rudy und Nabil Bentaleb oder auch Hamza Mental müssen wieder integriert werden. Auch Mark Uth ist wieder zurück am Berger Feld. Mit all diesen Spielern hatte man von Seiten des Klubs eigentlich schon abgeschlossen und sich einen Verkauf gewünscht – auch um wieder Geld in die Kassen zu bekommen. Nun sollen und müssen sie zwangsläufig – auch aus Geldnot – wieder integriert werden. Denn alle haben in Gelsenkirchen sehr ordentlich dotierte Verträge bekommen und enttäuschten, wie sich das wohl kein Fan und kein Verantwortlicher hätte vorstellen können. Womöglich findet sich aber doch noch der ein oder andere Käufer.

Wer hat das Sagen?
Die Post-Tönnies-Ära besticht durch ihre Undurchsichtigkeit. Der Verein ist im Umbruch, die One-Man-Show einer allmächtigen Einzelperson, wie es der Fleischfabrikant war, soll nun beendet sein. Sportvorstand Jochen Schneider hält die Fäden derzeit in der Hand. Wohin die Reise für den gesamten Klub aber geht, ist noch völlig unklar. Ausgliederung der Profi-Abteilung in eine Kapitalgesellschaft, wie es die derzeit Verantwortlichen wohl am liebsten hätten? Oder doch der Erhalt eines eingetragenen Vereins, wie es die wohl große Mehrheit der Mitglieder und Fans will? Die Fronten sind verhärtet. Die nächste Mitgliederversammlung dürfte genauer darüber Auskunft geben. Die Machtkämpfe über diese Frage stehen wohl erst am Anfang.

Was erwarten die Fans?
Rein sportlich sind die Erwartungen nach der desaströsen Rückrunde mit 16 Partien in Folge ohne Sieg, der schwächsten Rückrunde der Vereinsgeschichte, nicht gerade euphorisch. Nicht wenige Anhänger wundern sich, dass Trainer David Wagner, der zu Beginn der vergangenen Saison stark angefangen aber umso deutlicher nachgelassen hatte, seinem Amt noch nachgehen kann. Nicht zuletzt die Eindrücke aus den Testspielen, wie etwa gegen die Drittligisten KFC Uerdingen (1:3) oder den Aufsteiger SC Verl (4:5), die beide verloren gingen, untermauerten die Sichtweise der Wagner-kritischen Fans. Auch innerhalb des Teams soll der 48-Jährige nicht unumstritten sein. Schließlich hatte er während der zweiten Saisonhälfte kaum ein gutes Haar an seinem Team gelassen und diesem mangelnde Wettbewerbsfähigkeit unterstellt. Nach den Erfahrungen der Vorsaison wären die Anhänger wohl schon froh, wenn das Team nicht mehr nur als Sparringpartner sondern als ein Gegner auf Augenhöhe in der Bundesliga auftreten würde.

Was ist in dieser Saison möglich?
Wer in diesen Tagen Optimismus vermittelt bekommen will, der ist auf Schalke nicht am allerbesten Ort. “Ich habe schon das Gefühl, dass noch nicht jeder verinnerlicht hat, wie unsere Situation derzeit ist. Es wird immer noch zu viel darüber gesprochen, wie es mal war, und wie das jetzt alles passieren konnte”, sagt Trainer David Wagner. Es gehe jetzt “ausschließlich darum, dass wir da wieder herauskommen”. Die Schalker stecken in vielen Bereichen in einer Talsohle. Sportlich weiß niemand, wohin die Reise gehen wird. Vor dem Hintergrund der letzten Monate dürfte das erste Ziel sein, den Klassenerhalt zu erreichen. Alles darüber hinaus dürfte bereits als Erfolg verbucht werden. Die Ansprüche sind gering geworden.

Und sonst?
Immerhin präsentiert sich die Infrastruktur des Vereinsgeländes immer mehr wie die eines Spitzenklubs. Neue Trainingsplätze, das zu einer kleinen Arena umgestaltete ehemalige Parkstadion und Umkleidekabinen für die weltweit berühmte Schalker Knappenschmiede, die nicht mehr aus schmucklosen Containern bestehen. Was diese Investitionen von rund 90 Millionen Euro angehen, ist das Geld sicherlich gut und perspektivisch angelegt und steht diametral zur derzeitigen sportlichen und zur Gesamtsituation des Klubs. Jedenfalls in dieser Frage haben die Schalker Verantwortlichen die nötige Weitsicht gezeigt.

Bisher erschienen:

Teil 1: VfB Stuttgart – sympathisch und unerfahren wie nie
Teil 2: Arminia Bielefeld ist immer für eine Überraschung gut
Teil 3: Werder Bremen will endlich wieder Spaß
Teil 4: Der FC Augsburg sucht eine neue Hierarchie
Teil 5: Glück allein wird dem 1. FC Köln nicht reichen

Teil 6: Mainz 05 will aus der Jugend eine Tugend machen