Auf der Flucht

Donald Runnicles dirigiert den Neustart an der Deutschen Oper mit einer von Marie-Eve Signeyrol inszenierten Beethoven-Performance.




Extremsituationen in der Deutschen Oper: Die Premiere von “Baby Doll”Foto: imago images/Martin Müller

Der Soundtrack für diesen Moment stammt von Richard Wagner: „Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“, möchte man beim Betreten der Deutschen Oper mit der Auftrittsarie der Elisabeth aus dem „Tannhäuser“ jubeln, „froh grüß ich dich, geliebter Raum!“

Nach fast sechs Monaten Abstinenz beglückt die architektonische Eleganz von Fritz Bornemanns modernem Musiktheaterbau den Stammgast wie beim ersten Besuch: diese Weite der Foyers, diese Leichtigkeit der frei schwebenden Treppen, diese Noblesse der Materialien im Zuschauerraum! Alles lädt hier dazu ein, den Gedanken freien Lauf zu lassen.

Intendant Dietmar Schwarz und Generalmusikdirektor Donald Runnicles begrüßen das Publikum vor der Vorstellung nicht minder euphorisch, mit einer launigen Lautsprecherdurchsage in deutscher wie englischer Sprache. Gesungen allerdings wird an diesem Abend in der Bismarckstraße noch nicht, klassische Oper gibt es erst ab dem 12. September wieder, mit coronakompatiblen Querschnitten durch „Aida“, „Nabucco“, „Macbeth“ und „La Gioconda“.

Das Orchester des Hauses aber sitzt am Freitag bereits auf der Bühne, dicht an dicht vor den Notenpulten, weil die Musikerinnen und Musiker sich dank eines Sponsors im laufenden Probenprozess für Wagners „Walküre“ täglich Tests unterziehen – auch wenn von den Behörden noch kein grünes Licht für die geplante Premiere am 27. September gegeben wurde.

Beethovens 7.Sinfonie wird mit Klezmermusik gekoppelt

„Baby Doll“ heißt das Stück, das den Neustart der Deutschen Oper markiert. (Nächste Aufführungen am 6. und 7.9.) Von der Französin Marie-Eve Signeyrole erdacht, sollte die Performance eigentlich eigentlich im März in Metz herauskommen, als multilaterale Koproduktion. Daraus wurde nichts, und so ist Berlin nun unerwartet zum Ort der Uraufführung geworden.

Von Migrantinnen-Schicksalen will die Regisseurin erzählen, den Blick auf die Frauen lenken, die es auf der Flucht noch schwerer haben als die Männer.

Auf zwei Leinwänden gibt es Informationen über weibliche Opfer, die auf ihrem Weg nach Europa umgekommen sind, außerdem Zitate von Überlebenden, die von den Qualen berichten, die sie durchgemacht haben. Musikalisch koppelt Marie-Eve Signeyrole dazu Beethovens 7. Sinfonie mit Klezmermusik, live gespielt vom Orchester der Deutschen Oper respektive dem Quartett des Klarinettisten Yom.

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Die schwarze Tänzerin Stencia Yambogaza steht im Mittelpunkt des Stücks, das ohne Scheu jene dramaturgischen Mittel nutzt, von denen auch die traditionelle Oper lebt: Dramaturgisch wird eine Folge von Extremsituationen geschaffen, um die Gefühle der Protagonisten plakativ und mit größtmöglichem Pathos ausbreiten zu können. Hier nur eben nicht im Gesang, sondern als körperbetonte Pantomime.

Filmrealismus wird angestrebt, stets ist eine Videokamera den Darstellern auf den Fersen, Bühnennebel und Gegenlicht kommen extensiv zum Einsatz, Wasser wird von der Seite auf die Tänzerin gespritzt, wenn es um die Fahrt übers Meer geht, ein Sandhaufen symbolisiert die Wüste, die es zu durchqueren gilt.

So eindeutig die Optik ausfällt, so unklar bleibt die Rolle der Musik. Donald Runnicles dirigiert einen noblen Beethoven, sucht in der Partitur weder nach Spuren von Wut noch nach emotionalen Bruchstellen, die einen Bezug zur Drastik der Szene herstellen könnten.

Kraftvoller ist die Wirkung des Klezmer-Quartetts – und doch wirkt die stilistische Auswahl befremdlich eurozentristisch. Wenn es das Ziel der Regisseurin ist, sich in die Seelen afrikanischer Frauen einzufühlen, warum erklingt dann nicht auch Musik aus ihren Heimatländern?