Auf den ewigen Erdbeerfeldern

Am Morgen des 9. Dezember 1980 traf die unfassbare Nachricht hierzulande ein. Berlin war geteilt, es roch in Ost und West nach Ofenbrand, und es war kalt. Jedenfalls in der Erinnerung, die sich in diesem schlimmen Fall als besonders trügerisch erweisen könnte, war es ein wolkenverhangener Tag mit Schnee.

Gab es Weihnachtsbeleuchtung auf dem Kurfürstendamm? Sind solche Details überhaupt von Bedeutung, wenn eine Katastrophe eintritt und die Welt trotz allem nicht stillsteht?

John Lennon ist tot. Erschossen. Man glaubte, die Radiomoderatoren weinen zu sehen. Alte Beatles-Songs, die rauf und runter liefen, klangen frisch und zärtlich wie am ersten Tag, als wollte die Musik dementieren, was sich vielleicht doch noch als Falschmeldung herausstellen würde. Als wollten sie die Zeit zurückdrehen.

Wieder andere Stücke des Quartetts, das sich zehn Jahre zuvor aufgelöst hatte, klangen unheimlich beziehungsreich, wie Vorahnungen. Wenn etwas derart Erschütterndes eintritt, dann muss es sich doch irgendwie und irgendwo angekündigt haben? War das „White Album“ der Beatles nicht voller seltsamer Hinweise auf noch namenlosen Horror?

John Lennon tot, der Friedensfürst, der mit „Imagine“ und „Give Peace A Chance“ die Bergpredigt der Pop-Kultur geschrieben hat? „Imagine“ – ist es in seiner Einfachheit und Klarheit und Träumerei nicht eigentlich unzerstörbar?

Noch 40 Jahre danach schmerzen die Umstände der Tat

Der Mord geschah am späten Abend des 8. Dezember vor dem Dakota-Appartementgebäude in New York, in dem der Musiker mit seiner Frau Yoko Ono lebte. Mark David Chapman, aus Texas stammend, ein religiöser Fanatiker, war der Täter. Er verehrte John Lennon so sehr, schien seinem Idol derart in Hass zugetan, dass er Lennons Tod kalt plante.

Wenige Stunden vor der Bluttat ließ sich der damals 25-jährige Chapman von John Lennon dessen aktuelles Album „Double Fantasy“ signieren. Chapman sitzt lebenslänglich. Bislang wurden seine Gnadengesuche sämtlich abgelehnt.

Einen Tag bevor er von David Chapman (r) erschossen wurde, gab ihm der ehemalige Sänger der „Beatles“, John Lennon, ein Autogramm,…Foto: dpa

Noch vierzig Jahre danach schmerzen die Umstände des Attentats. Warum Lennon? Weil er mal gesagt hatte, die Beatles seien populärer als Jesus? Weil er auf „Double Fantasy“ seine Liebe zu Yoko Ono – bei vielen Beatles-Freunden war sie extrem unbeliebt – mit einer Eleganz und Verletzlichkeit zelebrierte, wie man es in der Musikgeschichte nicht häufig findet? Noch immer stellen sich die Fragen. Weil es keine Antwort gibt. Weil das Leben weiterging nach dem Lennon-Mord in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1980. Auch damals wurde dann das Fest der Liebe gefeiert.

Ronald Reagan war Präsident – das ist nicht ganz unwichtig

Kurz zuvor hatte der Republikaner Ronald Reagan die Präsidentenwahl in den USA gewonnen. Am 20. Januar 1981 wurde er in sein Amt eingeführt. Das ist aus der historischen Distanz insofern nicht unwichtig, als es Reagan war, der die Waffengesetze in einem ohnehin waffenstarrenden Land liberalisierte. Sich für einen Amoklauf, ein Schulmassaker, eine Beziehungstat legal aufzurüsten, ist dort leicht.

Ist die Welt jetzt eine bessere? Hat sich auch nur ein Hauch dessen eingelöst von dem, das sich John Lennon 1971 in „Imagine“ erträumte, an dem weißen Steinway? Der Flügel wurde im Oktober, zu Lennons imaginärem 80. Geburtstag, in Liverpool ausgestellt, auf dem Gelände des ehemaligen Waisenhauses Strawberry Field, das Lennon zu seinem, wei er selbst meinte, besten Song inspirierte: „Strawberry Fields Forever“.

Vor vier Jahrzehnten kamen die Nachrichten aus dem Ticker-Maschinenraum. Papierschlangen, die an den Schreibtischen der Redakteure herunterhingen. Die Schlagzeile „John Lennon in New York erschossen“ wurde in Blei gesetzt, in fünf oder sechs Cicero. Ziemlich lang her, aber leider doch wahr.