Ärzte, Alte und Profifußballer zuerst

Als vor einigen Wochen bekannt wurde, dass es beim Impfstoff gegen das Coronavirus einen entscheidenden Durchbruch gegeben habe, da dauerte es nicht lange, bis die ersten Witzbolde verkündeten, wer nach dessen Zulassung als Erstes geimpft werden würde: das Ärzte- und Pflegepersonal, alte und damit besonders gefährdete Menschen – und natürlich die Profifußballer.

Aber wer weiß: Vielleicht war das gar kein Witz.

Kommenden Sommer stehen zwei bedeutende internationale Sportveranstaltungen an, die in diesem Jahr wegen der Coronavirus-Pandemie verschoben werden mussten: zum einen die über den gesamten Kontinent verteilte (und damit komplett unzeitgemäße) Fußball-Europameisterschaft.

Zum anderen die Olympischen Spiele in Tokio, bei denen Athleten aus der ganzen Welt auf engem Raum, im olympischen Dorf nämlich, zusammenkommen werden.

Dass es ernsthafte Diskussionen darüber geben wird, ob Profisportler nicht bevorzugt in den Genuss einer Impfung kommen sollten, wäre daher alles andere als eine Überraschung.

Die öffentliche Meinung ist gegen eine Bevorzugung

Solche Diskussionen sind legitim. Man darf über alles diskutieren. Aber es ist schwer vorstellbar, dass am Ende der Debatte ein anderes Ergebnis stehen kann als das, was Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte der SPD, zu diesem Thema gesagt hat: „Ich finde es nicht unproblematisch, dass Sportler zuerst geimpft werden, damit sie dem Profisport nachgehen können.“

Gerade für den deutschen Fußball ist Lauterbach schon länger ein rotes Tuch, weil er seit Beginn der Pandemie einen extrem restriktiven Kurs fährt und sich zum Beispiel im Frühjahr vehement gegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Bundesliga ausgesprochen hat.

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Dass er damals unrecht hatte, heißt nicht, dass er auch jetzt falsch liegt. Zumal Lauterbach die Öffentlichkeit hinter sich weiß: Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur hat ergeben, dass 66 Prozent der Deutschen dagegen sind, Sportler bevorzugt zu impfen.

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Gerade der Profifußball hat während der Corona-Krise eine privilegierte Stellung genossen. Er genießt sie auch jetzt noch, da das ganze Land zum Stillstand kommt. Nur der Ball rollt weiter, und das ist selbst im zweiten Lockdown nicht mal ansatzweise in Frage gestellt worden.

Natürlich wäre es überaus angenehm, wenn die Fußballer nicht mehr mehrmals in der Woche getestet werden müssten; wenn sie ihrem Job wieder ohne jede Einschränkungen nachgehen könnten. Aber nötig wäre es eben nicht – gerade weil der Fußball auch in den vergangenen Monaten ohne Impfstoff funktioniert hat. Nötig haben den Impfstoff andere.