„Apivia“ verliert nach Bruch die Führung

Eine Sache, die der Führende bei einem so wichtigen Segelrennen wie dem Vendée Globe auf gar keinen Fall gebrauchen kann, ist: „ein lautes Geräusch“. Jedenfalls nicht eins von der Sorte, die nicht zu dem üblichen Lärm einer Rennyacht passt. 

Ein solches schreckte Charlie Dalin in der Nacht zu Dienstag aus dem Schlaf und er spürte sofort, dass seine „Apivia“ an Fahrt verlor. Zu diesem Zeitpunkt lag sie mit etwa 60 Meilen knapp in Führung, segelte mit hohem Tempo durch die Finsternis, aber bei moderaten Bedingungen nicht übermäßig beansprucht. Als Dalin nach der Ursache forschte, entdeckte er, dass nicht etwa ein Foil, sondern dessen Aufhängung gebrochen war. Da Dalin keinen Stoß bemerkt hatte, dürfte das System an einer Stelle kaputtgegangen sein, an der die Last des Flügels auf die Struktur des Rumpfs übergeht. Wasser dringt nicht ins Boot.

Leichtbau in schwerer See

Der 36-jährige Franzose, der das Rennen seit 21 Tagen souverän angeführt hatte, reduzierte die Geschwindigkeit, um den Schaden nicht zu vergrößern. Sein Team scheint zuversichtlich zu sein, dass sich der Defekt reparieren lässt. Ob er ihn künftig behindern wird?

Im Laufe des Tages büßte Dalin seinen ohnehin geringen Vorsprung ein. An die Spitze setzt sich mit Thomas Ruyant sein Dauerkonkurrent, der zwar ebenfalls nach einem Strukturschaden auf einen seiner beiden Foils verzichten muss, sich aber nicht abschütteln ließ.

Gezeichnet. Yannick Bestaven ist mit 46 Jahren eigentlich zu alt für die Strapazen einer Zeitraffer-Weltumsegelung. Doch seine…Foto: Yannick Bestaven / Maitre CoQ

An zweite Position hat sich Yannick Bestaven geschoben, der ein Schwesterschiff von Boris Herrmanns „Seaexplorer“ steuert. Obwohl „Maitre CoQ IV“ ebenfalls fünf Jahre alt und im Vergleich zur „Seaexplorer“ mit kleineren Foils ausgestattet ist, hat es ihr 47-jähriger Skipper aus La Rochelle in den vergangenen Wochen am besten verstanden, die rauen Bedingungen des indischen Ozeans zu meistern. Er schaffte 400 Meilen mehr als Herrmann, seit er sich mit ihm im St-Helena-Hoch ein über mehrere Tage dauerndes Flautenduell geliefert hatte. Nun könnte er trotz kleinerer Blessuren am Schiff der einzige sein, der sein Potenzial weiterhin voll ausschöpfen kann.

Allerdings sind ihm die physischen Anstrengungen deutlicher anzusehen als seinen zumeist zehn Jahre jüngeren Konkurrenten. Nachdem Bestaven 2008 schon einmal angetreten war, aber das Rennen schon am vierten Tag wegen eines Mastbruchs aufgeben musste, hat er sich lange um eine zweite Chance bemüht. Er gründete ein Unternehmen, das Hydrogeneratoren entwickelt und vertreibt. Ein Großteil der Imoca-Flotte ist mit ihm durch die Verwendung seiner Geräte verbunden. Der Geschäftsmann sah seine Chance gekommen, als der Lebensmittelkonzern Maitre CoQ nach dem Abgang von Skipper Jérémie Beyou zur Konkurrenz von Charal Ersatz suchte. Zuletzt veröffentlichte Bestaven ein Video, das ihn für alle überraschend hoch oben im Mast hängend zeigte. Dort musste er sein fest installiertes Arbeitssegel reparieren, das am Achterliek eingerissen war. Zuvor hatte er, wie er nun zugab, den oft zu großen Gennaker gesetzt, mit dem er sich zuweilen am Rand des Kontrollverlusts bewegt hatte.

Der Knick

Die meteorologische Situation entwickelt sich südlich von Neuseeland zur Abwechslung mal relativ stabil. Weshalb die meisten Teilnehmer lange aufgeschobene Arbeiten erledigen. Bis das nächste Sturmtief aus antarktischen Gefilden heranrückt, dürfte eine halbe Woche vergehen.

Derweil kam es hinter dem Spitzentrio zu einem ungewöhnlichen Aufeinandertreffen von gleich fünf Teilnehmern. Dass sich derart viele Boote nach 13.000 Meilen auf so engem Raum versammeln und einander über Stunden sehen können, hat vor allem mit einem Knick in der Eiszone zu tun, den die Segler ansteuerten wie einen Baum in der Wüste. Herrmann schob sich in der leichten Brise zunächst zwar an Damien Seguins „Groupe Apicil“ vorbei, kurz darauf auch an Louis Burtons „Bureau Vallée“, doch um den Preis eines längeren Weges.

Gruppenbildung. Plötzlich wieder beisammen sind Louis Burton, der das Foto macht, Boris Herrmanns “Seaexplorer” (im Vordergrund),…Foto: Louis Burton / Bureau Vallée

Dieses Spiel könnte ewig so weitergehen. Obwohl Herrmanns „Seaexplorer“ bei sanften Windverhältnissen schneller als die drei Nichtfoiler in seiner Nähe ist, erkauft er sich das Mehr an Tempo mit einem schlechteren Winkel zum Wind. Am Ende gewinnt immer der, sagt eine alte Regatta-Weisheit, der weniger Strecke zurücklegt.

Dennoch hat sich die Laune des vom schlechten Wetter arg gebeutelten Deutschen sehr verbessert. Nicht nur, dass er jetzt wieder Menschen um sich weiß. Auch dringende Reparaturen an seiner Energieversorgung sowie an seinem unbenutzbar gewordenen „Allzwecksegel“, der mittelgroßen Genuar (J2) hat er erledigt. Dafür musste er sich abermals in schwindelnde Höhen ziehen – und schien mittlerweile fast sogar Gefallen daran zu finden.

Fliegender Schneider. Weil sich der Reißverschluss seines “Allzwecksegels” gelöst hat, muss sich Boris Herrmann am Vorstag selbst…Foto: Boris Herrmann / Seaexplorer – YCM