Ansichten aus dem großen Menschenzoo

Hendrikje Schauer staunt über ein gewaltiges, fast tausend Seiten umfassendes Werk des Hamburger Historikers Axel Schildt, in dem er der Geschichte der bundesdeutschen Medien-Intellektuellen auf den Grund geht. „Medien-Intellektuelle“ (Wallstein) blieb wegen Schildts vorzeitigem Tod im vergangenen Jahr Fragment, ist in seinem enzyklopädischen Anspruch aber dennoch etwas Unvergleichliches. „Zeitschriftenbeiträge und Briefe sind eine zentrale Quelle für Schildt“, so Schauer. „Nicht, weil sie zwingend von bleibender intellektueller Kraft wären, sondern weil sich an ihrem Beispiel nachvollziehen lässt, wie kurvenreich intellektuelle Wege sein konnten. Halböffentliche Formen ergänzen die veröffentlichten Reden und Schriften. Aus dem Material beziehen die ,Medien-Intellektuellen‘ auch Position in den großen Gründungsdebatten: Steht die Bundesrepublik im Zeichen der Frankfurter Schule, wie Clemens Albrecht und Kollegen vorschlugen? Oder ist ihr intellektuelles Fundament liberalkonservativ, wie Jens Hacke dagegenhielt?“

Gregor Dotzauer entdeckt in Heike Behrends „Menschwerdung eines Affen – Autobiografie einer ethnografischen Forschung“ ein Buch, dessen Mischung aus anschaulichem Erzählen und wissenschaftlicher Selbstreflexion er zuvor eher den Angelsachsen zugetraut hätte. „Als die 30-jährige Heike Behrend 1978 zu den Tugen im Nordwesten Kenias reiste, um ein insgesamt sieben Jahre dauerndes Feldforschungsprojekt zu beginnen, war sie nicht mehr naiv“, schreibt er über die renommierte Ethnologin und Afrikanistin. „Sie hing zwar noch der damals gängigen Illusion einer ,Rettungsethnologie‘ an, die das Unberührte schützen wollte. Doch sie teilte, nachdem sie in Paris Jean Rouch begegnet war, der seine ethnografischen Filme immer an die afrikanischen Orte ihrer Entstehung mitnahm, auch die Ziele einer ,inversen Ethnologie‘: Diejenigen, deren Kultur Rouch dokumentierte, sollten sehen, wie sie selbst gesehen werden.“

Caroline Fetscher ergänzt den kulturwissenschaftlichen Blick auf das Verhältnis von Mensch und Affe, als der Heike Behrend unter den Tugen anfangs gesehen wurde, um einen anthropologischen. Der Neurowissenschaftler Michael Tomasello hat in „Mensch werden“ (Suhrkamp) eine „Theorie der Ontogenese“ entwickelt, die, verglichen mit anderen Primaten, vor allem die sozialen Fähigkeiten des Menschen höher bewertet. „Sein Fokus“, so Fetscher, liegt auf der frühen Entwicklung der Psyche des Menschen. Dabei bleibt Tomasellos Ansatz frei genug, um aufklärerisch zu wirken und Neugier zu wecken, während am Ende, wie er einräumt, viele Fragen offen bleiben. Wie es gelingt, dass aus einem Kind ,a mentsh‘ wird, und was Gesellschaften friedfertig macht, das kann die Primatenforschung kaum erfassen.“

Susanne Kippenberger liest mit Begeisterung „Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten“ (Propyläen) von Karina Urbach. Die Historikerin erforscht darin einen Fall von antisemitischem Raub geistigen Eigentums, der wohl kein Einzelfall war. „Urbach“, so Kippenberger, „erzählt spannend, ja, filmisch, schneidet zwischen verschieden Orten und Erzählsträngen hin und her, endet Kapitel wie im Krimi mit Cliffhangern.“ Immer mit dem Anspruch, ein Schicksal von allgemeiner Bedeutung zu schildern: „Unaufdringlich bettet Urbach ihre Familiengeschichte in die historischen Zusammenhänge ein.“

Tobias Schwartz freut sich über die Studie, die der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht dem französischen Enzyklopädisten und Meisterironikers Denis Diderot gewidmet hat. „Prosa der Welt – Denis Diderot und die Peripherie der Aufklärung“ (Suhrkamp) zeige, „wie Diderot die Komplexität der Welt und der Wirklichkeit nicht zu schmälern versuchte, indem er sie in ein System ,notwendiger Formen des Fortschritts‘ zwängt – so wie es etwa Hegel, den Diderots Denken und Schreiben stark faszinierten, in seinen Schriften unternahm. Für Diderot bleibt die Welt ,überwältigend – und zuweilen lustvoll – komplex‘. Genau hier liegt für Gumbrecht ein möglicher Anknüpfungspunkt für unsere Gegenwart.“

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Hans Monath verfolgt mit großer Neugier, wie die Historikerin Hedwig Richter in „Demokratie – Eine deutsche Affäre“ (C.H. Beck) zu belegen versucht, dass sich die Demokratie in Deutschland langsamer durchgesetzt hätte, wenn nur Männer für sie geworben hätten. „Ihr Buch“, schreibt Monath, „spannt den Bogen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Richter hat aber auch starke Vorstellungen davon, wie es weitergehen wird mit dem Gegenstand ihrer Untersuchung. Sie ist ein bekennender Fan der liberalen Demokratie und sagt ihr allen Unkenrufen zum Trotz eine große Zukunft voraus.“