Andreas Luthe ist ein unterschätzter Ruhepol

Noch hat Andreas Luthe nicht die Nase voll davon, Fragen über seinen Konkurrenten Loris Karius beantworten zu müssen. Neuzugang Karius, mit dem er sich ein Duell um die Torwartposition liefert, konnte am Mittwoch wegen einer Verletzung nicht einmal am Training des 1. FC Union teilnehmen. Aber als Luthe danach in der Medienrunde stand, war Karius trotzdem das Hauptthema. „Im Moment habe ich noch Geduld, im Februar vielleicht nicht mehr“, sagte Unions aktuelle Nummer eins.

Luthe und Karius sind erst im vergangenen Transferfenster zu Union gekommen. Während Karius’ Leihe vom FC Liverpool mit Pauken, Trompeten und jeder Menge Schlagzeilen in der Öffentlichkeit begrüßt wurde, haben viele beim Namen Andreas Luthe die Schulter gezuckt. Der 33-Jährige hatte zwar schon mehr als 150 Zweitliga-Einsätze für den VfL Bochum bestritten, aber in der Bundesliga hatte er beim FC Augsburg eher auf der Bank gesessen. Als Karius ein paar Monate später kam, gingen nicht viele davon aus, dass Luthe seinen Stammplatz verteidigen würde.

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„Ich bin grundsätzlich lieber unterschätzt als überschätzt“, sagt Luthe, der in jedem der fünf Bundesligaspiele in dieser Saison im Tor der Unioner stand. Anders als Karius hatte er nie das Problem von überhöhten Erwartungen oder eines zu großen Rampenlichts. Er ist, wie es seiner ruhigen Art entspricht, eher der Mann im Hintergrund, und hat im Hintergrund auch eine Menge getan.

Er habe „einen etwas anderen Weg eingeschlagen als die meisten Fußballer“, sagt Luthe, der schon studierte, als er vor 13 Jahren Profi wurde. Mittlerweile hat er einen Bachelor- und Masterabschluss, und könnte sich eine spätere Karriere als Funktionär vorstellen. Schon jetzt sitzt er neben Funktionären und Politikern als einziger Erstliga-Profi in der 35-köpfigen „Taskforce Zukunft Profifußball“ der DFL, wo er in seinen Worten „die Sicht der Aktiven einbringt“.

Vor fünf Jahren, im Herbst der Flüchtlingskrise, gründete er mit seinem früheren Bochumer Kollegen Jonas Ermes die Initiative „In Safe Hands“, die Kinder unterschiedlicher Herkunft beim Fußball zusammenbringt, um Integration und interkulturelles Verständnis zu fördern. Das in Nordrhein-Westfalen und Augsburg ansässige Projekt betreut er noch aus der Ferne.

Auch auf dem Platz agiert Luthe zwar nicht so energisch und laut wie sein unter den Fans beliebter Vorgänger Rafal Gikiewicz, trotzdem ist er in den erfolgreichen ersten Wochen ein enorm wichtiger Faktor bei Union. „Es ist die Aufgabe eines Torhüters, dem Team Ruhe, Souveränität und Vertrauen zu geben“, sagt er. Das hat er gemacht, und damit auch dafür gesorgt, dass Karius bisher genauso viel Spielzeit bei Union bekommen hat, wie er an der Anfield Road gehabt hätte.

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Das Verhältnis zwischen beiden Torhütern sei aber gut, sagt Luthe. „Als Torwartteam arbeiten wir sehr eng zusammen. Man hockt Tag für Tag aufeinander, da muss es schon passen“, sage er. Karius sei „ein sehr, sehr guter Typ, mit dem es sehr viel Spaß macht, jeden Tag zu arbeiten“. Beeindruckt habe es ihn auch, dass sich „ein Spieler wie Loris“ nach seinen Jahren bei Liverpool und Besiktas „für Union entscheidet, um hier ums Überleben zu kämpfen. Das hat mich überrascht, aber ich finde es gut“.

Dass er selbst damit plötzlich einen hochkarätigen Konkurrenten um den Stammplatz hatte, brachte Luthe aber auch nicht aus seiner scheinbar unzerbrechlichen Ruhe. „Das Schöne ist, dass wir offen kommuniziert haben. Ich wusste zu jedem Zeitpunkt, dass ein neuer Torhüter kommt“, sagt er. Ob dieser ein junger Spieler sei, der seine ersten Schritte im Profi-Fußball macht, oder ein Loris Karius, sei ihm im Prinzip egal.

Entsprechend unbeeindruckt zeigt sich Luthe über die noch ungeklärte Frage, wer in dieser Saison langfristig erste Wahl sein wird. Nummer eins zu sein, sei für ihn „nur ein Status, nichts Greifbares“. Und er sei sowieso ein Freund vom Konkurrenzkampf. „Mich macht es jetzt nicht schlechter, wenn ich weiß, dass ich Loris hinter mir habe.“

Doch so ruhig er auch ist, ohne Kampf wird Luthe seinen Stammplatz nicht abgeben: „Wenn ich meine Leistung bringe, gehe ich davon aus, dass ich spiele.“