Amanda Gormans Worte geben Amerika wieder Hoffnung

Über den historischen Moment hinaus wirkt es wie ein Wunder. Amanda Gorman tritt ans Mikrofon und spricht Verse, die die Welt bewegen. Der Echoraum, das spürt man sogleich, ist größer als das Riesenland, das sie in ihren Worten umarmt, aufrüttelt, beschwört – nach einer Ewigkeit von vier Jahren mit dem Lügner und Spalter im Weißen Haus. Überall auf der Welt reißt es die Fernsehzuschauer von den Sitzen. Die Augen bleiben nicht trocken. Diese sechs Minuten werden lange nachhallen.

Nur wenige Menschen konnten die Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris unmittelbar erleben. Terrorgefahr und die Pandemie verhinderten das Zusammenkommen von Hunderttausenden in der Hauptstadt, wie es sonst bei diesem Anlass stets Normalität war, ein Meer von US-Fähnchen stand stattdessen im kalten Wind. Doch mit Amanda Gorman und ihrem Poem „The Hill We Climb“ entsteht plötzlich eine emotionale Verbindung nach draußen, über Zäune und Barrikaden hinweg, der Anblick der abgesperrten National Mall erscheint gar nicht mehr so gespenstisch. A star is born.

Noch bevor Amanda Gorman, 22-jährige Dichterin und Harvard-Soziologin aus Los Angeles, mit einem Mal im Mittelpunkt steht, greift sich Lady Gaga die Nationalhymne. So hat man „The Star Spangled Banner“ auch noch nicht gehört; so cool und doch mit Emphase. Jennifer Lopez singt „This Land Is Your Land“ und „America The Beautiful“ und auf Spanisch – auch das kommt überraschend – erinnert sie an die USA als „eine Nation unter Gott, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle“.

Das alles ist nicht wenig, es hat Stil und Eleganz und eine unverkrampfte Dramaturgie. Mit Amanda Gorman aber bekommt die Geschichte des 20. Januar 2021 noch einmal eine neue, unerwartete Wendung. Die Afroamerikanerin ist die Jüngste in der langen Reihe der poet laureates bei der Inauguration eines neuen Präsidenten. Sie überstrahlt den Tag. Sie ist schlicht brillant in ihrem gelben Prada-Mantel, mit dem leuchtend roten Haarreif, den runden goldenen Ohrringen und dem Ring mit dem Vogel im Käfig.

Den feinen Schmuck hat ihr Oprah Winfrey geschenkt; eine Reminiszenz an Maya Angelou. Die 2014 verstorbene afroamerikanische Dichterin hatte 1993 bei der Amtseinführung von Bill Clinton ihr Gedicht „On the Pulse Of Morning“ am Kapitol rezitiert und eine lange unterbrochene Tradition wieder aufgenommen. Davor war 1961 Robert Frost die Ehre zuteil geworden, bei John F. Kennedys Schwur als Dichter auf der Bühne zu stehen. Barack Obama entschied sich 2009 für Elizabeth Alexander; ihr Gedicht hieß „Praise Song for the Day“.

Amanda Gormans „The Hill We Climb“ bleibt nicht im Symbolischen, Wolkigen, es greift ohne Scheu ins Gesellschaftliche, Politische, jetzt. Die Zeiten haben sich geändert, wenn „Patriotismus“ in republikanischen Kreisen und von der rechtsextremen Szene usurpiert wird. Die Zeiten ändern sich, wenn eine so junge und unbekannte Afroamerikanerin das Wort ergreift, mit einer auratischen Wirkmacht, dass Hillary Clinton gesagt haben soll, sie möge doch 2036 fürs Präsidentinnenamt kandidieren.

So spricht sie von einer Nation, die nicht zerstört, sondern vielmehr unvollendet ist (Somehow we’ve weathered and witnessed a nation that isn’t broken, but simply unfinished). Sie sieht sich als Nachkomme von Sklaven, als Kind einer allein erziehenden Mutter. (We, the successors of a country and a time where a skinny black girl descended from slaves and raised by a single mother can dream of becoming president only to find herself reciting for one). Und ja, sie könne davon träumen, eines Tages selbst den Präsidenteneid abzulegen.

Die Demokratie sieht sie in Gefahr, aber auch als stark genug, die Angriffe abzuwehren (But while democracy can be periodically delayed, it can never be permanently defeated. In this truth, in this faith we trust for while we have our eyes on the future, history has its eyes on us.) Während wir in die Zukunft schauen, schaut die Geschichte auf uns.

Ihre Haltung gibt Zuversicht

Für deutsche Ohren mag das allzu pathetisch klingen. Aber hier will ein ganz anders dimensioniertes und konditioniertes Land zu sich kommen, hier artikuliert sich mit unwiderstehlicher Jugend und Noblesse eine Multi-Kultur. Und Gormans immer wieder auch gereimte Worte haben eine zupackende, pragmatische Art.

Allein ihre Haltung gibt Zuversicht. Diese Frau kann und wird einiges erreichen mit ihre Empathie und ihrem Intellekt. Jill Biden, die neue First Lady, hat Amanda Gorman entdeckt und eingeladen. Es war Gormans erster großer öffentlicher Auftritt, und man muss gesehen haben, wie sie mit ihren Händen spricht, entschlossen den Takt gibt, die Verse gestisch unterstreicht, sich durch die hochschlagenden Wogen navigiert.

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Sie habe ihren Vortrag endlos geprobt, sagt sie der New York Times, und fügt hinzu, was für ein „Terror“ es für jemand wie sie mit einer Sprachbehinderung sei, vor Millionen und Millionen Menschen zu reden. Das macht es noch bewundernswerter.
Abraham Lincoln und Martin Luther King studierte sie zur Inspiration. „I have a Dream“: Pastor King hielt seine berühmte Rede im August 1963 vor dem Lincoln Memorial – wo Joe Biden und Kamala Harris der 400 000 Covid-Toten in den USA gedachten.

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Es kommt vieles zusammen in dieser alten Zeremonie. Amanda Gormans Langverse schlagen einen Bogen von dem Hymniker Walt Whitman zum Rap-Rhythmus, so wie die Antrittsrede des Katholiken Joe Biden, um Einheit und Einigung fast flehend, an den Tonfall von Papst Franziskus erinnert. Biden ist 78, Franziskus 84 Jahre alt, und die Aufgabe, eine Nation mit sich selbst zu versöhnen, ist ebenso gigantisch wie die Reformierung der katholischen Kirche. Vielleicht können die Alten, als Übergangskandidaten in die höchsten Ämter gewählt, gerade deshalb mehr erreichen als erhofft.

Sie wirkt unglaublich reif aber auch ungestüm

Aus dem Mund der jungen Frau, die mit unglaublicher Noblesse aufzutreten weiß, spricht ein waches Bewusstsein für die Vergangenheit – die nicht vergeht, wenn Rassisten wieder offen demonstrieren und attackieren, angefeuert von einem moralischen Bankrottier, der persönlichen Profit und Machterhalt über alles stellt. Die Folgen dieser rücksichtslosen und kriminellen Politik sind ja nicht verschwunden mit dem gelungenen Einstand des neuen Präsidenten.

Für Amanda Gorman ist es die Dichtung, die Menschen hilft, ihre Lage zu reflektieren. Die junge Dichterin wirkt reif und auch noch ungestüm. Ihr Inaugurationsgedicht soll in einer Buchedition erscheinen, und für den Herbst sind eine Lyriksammlung von ihr angekündigt und ein Kinderbuch.

„The Hill We Climb“. Darin liegt eine schöne Doppelbedeutung. Die Steigung zu nehmen ist anstrengend, aber es geht dabei aufwärts.