Am Samstag muss die alte Liebe ruhen

Rafal Gikiewicz hatte schon als Torwart des 1. FC Union ein jährliches Ritual. Zu Beginn der Saison hängte er einen Notizzettel mit sportlichen Zielen an seinen Kühlschrank, damit er diese jeden Tag im Blick hat. Darauf steht immer eine Anzahl an Spielen ohne Gegentor, die sich der 33 Jahre alte Pole vornimmt.

Im Detail möchte der im Sommer zum FC Augsburg gewechselte Schlussmann über den aktuellen Zettel nicht sprechen, doch eines verrät Gikiewicz vor dem Duell mit seinem ehemaligen Verein am Samstag (15.30 Uhr, Sky). Hinter ein Ziel will er am Wochenende einen grünen Haken machen. „Ich freue mich auf das Spiel gegen Union und das klare Ziel ist der zweite Sieg gegen mein Ex-Team.“

Zwei Jahre hat Gikiewicz in Köpenick gespielt, ist mit Union aufgestiegen, zum Publikumsliebling avanciert, hat sich das Logo des Klubs auf den Unterarm tätowieren lassen und sich selbst zum „König von Köpenick“ ausgerufen. „Das waren zwei geile Saisons und diese Zeit werde ich nie in meinem Leben vergessen“, sagt Gikiewicz.

Am Samstag muss die alte Liebe aber ruhen. Mit Augsburg hat der Torwart die letzten drei Spiele verloren und der Vorsprung auf den Relegationsplatz beträgt nur noch vier Punkte. Die unglückliche Niederlage gegen den FC Bayern am Mittwoch hat Gikiewicz schnell abgehakt, wenige Tage zuvor gegen Bremen gelang ihm das nicht. „Wir verlieren ein wichtiges Spiel 2:0 und wir lachen auf dem Platz, das kann ich nicht akzeptieren“, sagte er unmittelbar nach Abpfiff vor der Fernsehkamera.

Es ist ein klassischer Gikiewicz. Der Torwart ist so ehrgeizig, dass es für die Kollegen durchaus anstrengend werden kann. Bei Union blickte er nach gegnerischen Chancen schon mal die Mitspieler mit weit aufgerissenen Augen an und laut wurde es ohnehin.

„Ich bin jetzt das siebte Jahr in Deutschland und jeder kennt Gikiewicz“, sagt er zu seiner impulsiven Art. „Du musst auch deine Meinung sagen, denn ohne Emotionen kannst du nicht Fußball spielen.“ Gerne hätte Gikiewicz seine Gefühle auch weiter auf dem Rasen im Stadion An der Alten Försterei gezeigt, doch mit Union konnte er sich nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen.

Nach seinem letzten Spiel für die Berliner kamen ihm die Tränen und die nächsten Wochen sei er schon traurig gewesen. Das habe sich aber schnell geändert. „Ich bin sehr zufrieden in Augsburg“, sagt Gikiewicz jetzt.

„Urs Fischer ist der beste Transfer”

Momentan sei es für ihn zwar schwierig, weil seine Frau mit den zwei Kindern seit mehr als einem Monat in der polnischen Heimat ist, er wolle aber noch ein paar Jahre beim FCA spielen. Dass seine ehemaligen Berliner Kollegen in dieser Saison so exzellent dastehen, freut den Torwart. „Für mich ist das nicht so eine große Überraschung“, sagt Gikiewicz. „Schon in meiner ersten Saison bei Union habe ich gesagt, Urs Fischer ist der beste Transfer.“

In dieser Saison spiele die Mannschaft mit sehr viel Selbstvertrauen und das sehe man auch in den Spielen gegen die großen Vereine. Für Samstag sieht er trotz neun Punkten Unterschied aber gute Chancen für seine Augsburger. „Der Tabellenplatz spielt keine Rolle und für mich ist Union ein Gegner auf unserem Level.“ Schließlich ist der FCA auch die einzige Mannschaft, die bisher an der Alten Försterei gewinnen konnte.

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Vor dem Duell mit den alten Kollegen wurden zahlreiche Nachrichten ausgetauscht und Gespräche geführt. „Ich habe viele gute Freunde dort“, sagt Gikiewicz. Besonders mit Ersatzkeeper Jakob Busk und Torwarttrainer Michael Gspurning sei er fast wöchentlich in Kontakt. An den Weihnachtsfeiertagen war er sogar auf einen Kaffee zu Besuch in Berlin.

Am Donnerstag traf er sich in Augsburg mit Unions Teamleiterin und guter Seele Susanne Kopplin. Die Verbindungen nach Berlin sind also auch mehr als ein halbes Jahr nach dem emotionalen Abschied sehr zahlreich. So ist es wenig überraschend, dass Gikiewicz bei Union-Spielen immer noch ein bisschen mitfiebert.

„In Berlin habe ich vom ersten bis zum letzten Tag alles gegeben und mein Herz jede Sekunde auf dem Platz gelassen“, sagt Rafal Gikiewicz. „Aber jetzt fokussiere ich mich auf meinen Verein.“