Alter Wein in neuen Schläuchen

Den ersten Angriff parierte er noch selbstbewusst. Der Würzburger Historiker Benjamin Hasselhorn warf seinem Berliner Kollegen Niklas Weber fast belustigt vor, dieser habe in der „Süddeutschen Zeitung“ ein verzerrtes Bild von ihm gezeichnet.

Er ignorierte den eigentlichen Vorwurf, er sei Teil eines neurechten Netzwerks, forderte in seiner Stellungnahme auf der Webseite der Julian-Maximilians-Universität jedoch, die ganze Bandbreite seiner Wortmeldungen zu berücksichtigen.

Seine Beiträge für die aus der Pennalen Burschenschaft Theodor Körner in Chemnitz geborene „Blaue Narzisse“ seien Jugendsünden, erklärte Hasselhorn, und den Texten für das neurechte Magazin „Cato“ müsse man Veröffentlichungen in der „NZZ“ oder dem Tagesspiegel gegenüberstellen.

Hier hatte der nunmehr 34-Jährige, der einen zweiten Doktor in Theologie besitzt, im April 2019 eine neue Ernsthaftigkeit der evangelischen Kirche gefordert – nicht ohne einen Kronzeugen aufzurufen, in dem man Hasselhorns eigene schillernde Persönlichkeit erkennen kann.

Sein temperamentvoller Essay ist eine Eloge auf den kanadischen Psychologieprofessor Jordan Peterson, der nach den Korrektheitsvorstellungen der kulturellen Linken schnappt, wo er kann – und dabei tatsächlich die eine oder andere Borniertheit erwischt. Der Youtube-Star, eher ein Provokateur als ein authentischer Reaktionär, wird von amerikanischen Alt-Rightisten heiß verehrt.

Geburtstagsgruß für einen Revisionisten

Im „Merkur“ (Nr. 859, Dezember 2020, 14 €, merkur-zeitschrift.de) hat Niklas Weber nun nachgelegt. Er nimmt Hasselhorn, der im Kulturausschuss des Bundestages als CDU-Sachverständiger für die Entschädigung der Hohenzollern aufgetreten war, beim Wort von der publizistischen Bandbreite.

In textkritischer Detektivarbeit zeigt er, wie Hasselhorn unter dem Pseudonym Dominique Riwal in einer Festschrift zum 60. Geburtstag des revisionistischen Historikers Karlheinz Weißmann offenbar aus seinem eigenen Buch „Königstod“ abgeschrieben hat. Herausgegeben von Dieter Stein, dem Chefredakteur der „Jungen Freiheit“, ist der Band in der hauseigenen Edition der Wochenzeitung erschienen, die den Begriff des Konservatismus mit identitärer Schlagseite neu besetzt.

Was nach einer Privatfehde aussieht, ist am Beispiel von Weißmanns Positionen eine ideengeschichtliche Recherche, die mustergültig zeigt, wie eilfertige Ausgrenzung durch die Zunft und Selbstdesavouierung durch scheinbar unpolitische Sachlichkeit einander in die Hände spielen.

Sie macht überdies ein Milieu sichtbar, dessen Solidaritätserklärungen für Hasselhorn im Namen der Meinungsfreiheit weniger vom Prinzip als von der Sympathie für die Sache gedeckt erscheinen. Neben dem HU-Historiker Jörg Baberowski hat sich auch Hasselhorns Würzburger Chef Peter Hoeres, Inhaber des Lehrstuhls für Neueste Geschichte, damit hervorgetan.

Abgrenzung unerwünscht

Sie alle sind hochgebildete, wissenschaftlich ausgewiesene und intellektuell im Grunde satisfaktionsfähige Leute, die nur kein Interesse haben, das, was sie als Konservatismus verkaufen, gegen das Dumpfbackentum der AfD abzugrenzen. Hoeres zum Beispiel ist schon zweimal in der Berliner Bibliothek des Konservatismus aufgetreten, einem rechten Thinktank, der aus den nachgelassenen Bücherbergen des „Criticón“-Herausgebers Caspar von Schrenck-Notzing entstanden ist.

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Hoeres schreibt für „Tichys Einblick“. Er nennt in einer Liste herausragender konservativer Denker neben vielen unanfechtbaren Namen auch Alexander Gaulands Redenschreiber Michael Klonovsky und den Schriftsteller Uwe Tellkamp, den er ausgerechnet zu einem Vortrag über das deutsche Zeitungswesen nach Würzburg eingeladen hatte. Und er empfiehlt als Stichwortgeber – Karlheinz Weißmann.

Nachzulesen in der katholischen „Tagespost“, die neuerdings vermehrt rechte, das christsoziale Spektrum sprengende Stimmen anzieht. Eine neue konservative Revolution? Über die antiliberalen Gehässigkeiten des von Hoeres zitierten Armin Mohler ist dieser Konservatismus jedenfalls nicht weit hinausgekommen.