Als ich alt wurde

Wer literarische Schubladen mag, wird diesen Roman vielleicht als prototypische Geschichte eines alten, weißen Mannes lesen. Zunächst werden auch die klassischen Muster dieses Genres bedient. Der erfolgreiche Schauspieler Jakob hadert mit dem bevorstehenden 60. Geburtstag, weil plötzlich nur noch auf seine Vergangenheit geschaut wird und das Leben als abgeschlossen erscheint.

So möchte der leicht misanthropische Jubilar keinesfalls in großer Runde gefeiert werden, vor allem nicht „als bedeutender Künstler, verdienter Bürger, und was dergleichen sonst für Würdigungen kurz vor dem Grabstein und kurz vor dem Vergessen stehen“.

Doch schon in den ersten Zeilen lässt der Ich-Erzähler in Norbert Gstreins neuem Roman „Der zweite Jakob“ durchblicken, dass er es wohl nicht verhindern kann, sich „ganz nach dem Geschmack des Publikums wie ein Pfau ausstopfen und vorführen zu lassen.“

Jakob wird sich tatsächlich mit den Untiefen seines Lebens befassen müssen, auch weil Tochter Luzie den Vater ständig fragt: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“ Das weiß er ganz genau, gesteht aber nur scheibchenweise die kleinen und großen Vergehen und gar auch eine Tat mit strafrechtlicher Relevanz.

Manches erinnert an David Lynch

Während einer internationalen Filmproduktion im Grenzgebiet von Texas und Mexiko kam es jedenfalls zu einem tödlichen Unfall, und die Ereignisse, die fünfzehn Jahre vor der Erzählgegenwart spielen, haben Jakob offenbar traumatisiert.
Mitten in der Nacht war er mit seiner Schauspielkollegin Xenia unterwegs, die ihr aufbrausendes Temperament mit langen Autofahrten durch die Wüste und zu viel Alkohol unter Kontrolle zu bringen versuchte. Auf einem dieser seltsamen therapeutischen Wüstentrips tauchte am Straßenrand plötzlich eine spärlich bekleidete Frau auf: „Es gab einen dumpfen Knall, gar nicht einmal so laut und gar nicht einmal so heftig, aber doch einen sehr spezifischen Knall (…).”

Die Frau starb noch am Unfallort. Anstatt die Polizei zu rufen, ließen Xenia und Jakob die Leiche am Straßenrand liegen und rasten davon, um am nächsten Tag wieder vor der Kamera zu stehen. Aggressiv und unheimlich ist die Stimmung am Set, Fiktion und Wirklichkeit sind nur schwer auseinanderzuhalten.

Norbert Gstrein beschreibt die Szenen im gesättigten Multicolor, als befinde man sich in einem Werk von US-Regisseur David Lynch. Der Film im Roman hingegen wird zum großen Reinfall. Der Ich-Erzähler nennt ihn sarkastisch ein „Melodram im Grenzermilieu mit nicht gerade berauschenden Entwicklungsmöglichkeiten“.

Der Erzähler will seine Spuren auslöschen

Dementsprechend wird das Machwerk von der Kritik verrissen und bald vergessen. Jakob aber wird die Erinnerungen an die Dreharbeiten nicht los, und in gewisser Weise ist er sogar froh, der Tochter die Fahrerflucht zu gestehen. Nur die Öffentlichkeit soll nichts von dem Drama erfahren, denn Jakob befürchtet, niemand werde ihm glauben, damals nur Beifahrer gewesen zu sein. Immerhin habe er „auffallend oft Bösewichter gespielt und in drei Fällen Frauenmörder“.

Gstrein spielt geschickt mit Ressentiments, aus der sich schnell mediale Hetzkampagnen entwickeln können. Seine Figuren aber sind weder gut noch böse und leben in moralischen Grenz- und Zwischenbereichen, in denen Wahrheit und Lüge eng verwoben sind. Dem narzisstischen Schauspieler ist nicht zu trauen, auch wenn er immer neue Episoden aus seinem Leben verrät.

Der ästhetische Clou besteht darin, dass der Roman sich zu einer vollständigen Biografie des Titelhelden entwickelt, was einem neugierigen Lohnschreiber namens Elmar Pflegerl nicht gelingen wird. Der möchte ein Buch über den berühmten Bühnenberserker veröffentlichen, scheitert aber genauso wie Jakob, der zeitweilig nicht nur seine berufliche Existenz, sondern seine ganze Identität auszulöschen plant.

„Im Augenblick konnte ich mir nicht vorstellen zu spielen, und zum ersten Mal nahm ich den Gedanken ernst, überhaupt damit aufzuhören, und nicht nur damit aufzuhören, sondern die Spuren, die von mir in der Welt existierten, zu verwischen, ja, wenn möglich, auszulöschen, so schwierig das gestalten würde.”

Mit dem Motiv der Auslöschung verweist Norbert Gstrein in seinem verwegenen Identitätsthriller selbstverständlich auf Thomas Bernhard, doch anders als bei diesem geht es Gstrein in letzter Konsequenz eben nicht um die Vernichtung einer Biographie aus persönlichen oder politischen Gründen, sondern um die Rettung einer Figur.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Auf verschlungenen Wegen findet Jakob zurück zu seinen biographischen Wurzeln. Lange Zeit wollte er mit seiner Familie nichts zu tun haben, deren Wohlstand auf einer Zockermentalität und jahrelangem Steuerbetrug begründet ist. Die Flucht vor der eigenen Herkunft aus einem Tiroler Bergdorf aber wird zur Lebenslüge, die selbst seine Tochter durchschaut: „Du verzeihst dir nicht, einer von ihnen zu sein, weil du glaubst, dass dich draußen in der Welt deshalb alle für einen Barbaren halten.“

So sehr Jakob die Eltern und Großeltern verachtet, so verlogen geht er mit dem Schwarzgeld aus dem Hotelbetrieb der Familie um. Die vielen Scheine, die ihm die Großmutter einst zusteckte, sind nämlich für den älteren, geistig verwirrten und gleichnamigen Onkel bestimmt.

Der erste Jakob versteckt sich seit Jahrzehnten in den Kellern des Dorfs, taucht eine Zeitlang wieder auf und säuft sich durch die Hotelbars des prosperierenden Skiortes. Der zweite Jakob ignoriert den ersten, der lange im Mittelpunkt der Familie stand, und in einem wirklich herzergreifenden Finale treffen beide wieder aufeinander.

Nicht alles hier ist autofiktional

Was bei der Lektüre dieses so intensiven Romans den Atem verschlägt, ist nicht nur der gekonnte Wirbel mit den Identitätsdiskursen unserer Zeit, sondern auch die biographische Dringlichkeit. In einem Zeitungsartikel hatte Gstrein vor einigen Jahren die Geschichte des zweiten Jakobs schon mal erzählt.

Der Autor hat ganz Ähnliches erlebt. Ihm wurde von Seiten der Familie sogar vorausgesagt, es werde mit ihm genauso schlimm enden wie mit dem „komischen“ Onkel.

Es ist wohl ein schmerzhafter Fluch, dem Gstrein nicht zuletzt durch sein schriftstellerisches Werk zu bannen versucht. Wenn er seinen zweiten Jakob sagen lässt, er sei „nie etwas anderes als ein Kind im Winter gewesen, das Wärme nur aushielt, wenn es davor lange genug in der Kälte sein konnte“, dann ist das wohl nicht nur metaphorisch, sondern auch ganz konkret autobiographisch gemeint.

Der 1961 in Tirol geborene und heute in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein hat in seinen Werken immer auch seinem Leben nachgespürt, hat das biografische Material genutzt, indem er zwischenmenschliche Krisen mit gesellschaftlichen Fragestellungen zu verbinden wusste.

In seinen vielgelobten Romanen „Die kommenden Jahre“ und „Als ich jung war“ spiegelten sich etwa die Migrations- und Klimamisere im privaten Scheitern der Figuren. Dabei bewegt sich Gstrein grundsätzlich in den Grenzgebieten der politischen Diskurse.

Gstreins Sprache ist eine kunstvolle

Ihn interessiert nicht die ideologische Festlegung. Seine oft melancholischen Protagonisten sind als Gegenentwürfe zu derzeit so beliebten Romantypen zu lesen, die nach identitätspolitischen Mustern gestrickt sind. Identität ist bei Gstrein nicht sinnstiftend, sondern liefert zerstörerische Zerrbilder. Wie in seinem Frühwerk kommt er inzwischen wieder häufiger auf Österreich zurück, auf den Hotelbetrieb der Eltern und Großeltern, auf den alpinen Skizirkus, auf die ökologischen und seelischen Folgeschäden dieser Tourismusindustrie.

Trotzdem wäre es ein Fehler, diese sowohl intellektuelle als auch sinnliche Prosa vor allem als Autofiktion zu lesen. Gstreins Kunst besteht weniger in der Rekonstruktion einer Biografie, sondern vielmehr in einer kunstvollen Sprache, die vor allem auf poetische Weise eine große Distanz zur dörflichen Herkunft ihres Schöpfers ausdrückt.

Gstrein-Sätze können sich über halbe Seiten erstrecken, und manchmal wirkt es so, als wolle er mit diesen gefährlichen Satzschlangen den Stoff seiner Romane erledigen. Diesem Schriftsteller, der genau das Gegenteil von einem Heimatdichter ist, muss wohl niemand eine Biografie zu einem Ehrentag schreiben.

Die Chuzpe seines neuen Werks besteht aber auch darin, diesem leidigen Eventualfall, der sich mit Gstreins 60. Geburtstag im Frühsommer durchaus ergeben könnte, auf bestürzend offenherzige und zugleich ästhetisch berauschende Weise vorgebeugt zu haben.