Als Diego Maradona fast im Alleingang den Titel gewann

Ulloa Morera nimmt es ganz genau. Und dafür legt sich der Linienrichter aus Costa Rica sogar mit dem großen Diego Armando Maradona an. Der will gerade einen Eckstoß ausführen. Weil ihm die Fahne dabei im Weg ist, reißt er sie kurzerhand aus dem Rasen. Morera lässt das nicht gelten und so muss Maradona die Stange erst zurück in den Boden stecken.

Auch das reicht dem Offiziellen aber noch nicht, also sammelt Maradona die zwei Meter weiter liegende Flagge auf und macht sie nach nochmaliger Ermahnung korrekt wieder am Stock fest. Als seine Reparatur beendet ist, lacht er den Linienrichter an und darf endlich die Ecke ausführen.

Es ist der Tag des Viertelfinals gegen England bei der WM 1986, 100.000 Zuschauer im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt werden Zeuge dieser Szene. Sie erleben mit, in welchen Sphären Diego Maradona bei diesem Turnier wandelt. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen, kein Foul, kein Schiedsrichter und auch nicht die Journalisten, die zwischen den Spielen die immer gleichen Fragen nach seiner Ausnahmestellung an ihn richten.

Und auf die der Superstar immer die gleiche Antwort gibt: „Ich kann nur mit der Mannschaft Weltmeister werden.“

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Wahr ist allerdings auch: Ohne Maradona hätte Argentinien den Titel in Mexiko niemals gewonnen. Oder wie es der belgische Trainer Guy Thys nach dem verlorenen Halbfinale ausdrückte: „Hätte Maradona bei uns gespielt, wäre meine Mannschaft ins Finale eingezogen.“ Die WM in Mexiko wird von einem Einzelkönner überragt, der aus einer mittelmäßigen Mannschaft einen Weltmeister macht.

1986 ist Maradona 26 Jahre alt, er steht in der Blüte seiner Schaffenskraft. Beim SSC Neapel hat er seine Heimat gefunden, er fühlt sich wohl und strotzt vor Elan. Und er weiß, was ihn bei einer Weltmeisterschaft erwartet. Vier Jahre zuvor endete seine ersten WM-Teilnahme auf unrühmliche Weise mit einer Roten Karte im letzten Spiel Argentiniens gegen Brasilien. „Damals bestand das Gerippe der Elf aus Spielern, die bereits Weltmeister waren. Unsere Auswahl heute ist erfolgshungriger“, erklärt Maradona in Mexiko.

Und der hungrigste von allen ist Maradona selbst. Dabei hätte nicht viel gefehlt und Argentinien wäre bei der WM gar nicht dabei gewesen. Im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Peru lag das Team von Carlos Bilardo lange 1:2 zurück und hätte damit den Gruppensieg verpasst. Erst kurz vor Schluss gelang der Ausgleich, das Team schaffte es so auf direktem Wege nach Mexiko. Doch vor dem Turnier dämpft Maradona selbst die Erwartungen: „Unter den zehn besten Mannschaften der Welt sind wir nur die Nummer sieben.“

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Cesar Luis Menotti, der Argentinien 1978 zum Titel führte, sieht es noch düsterer. Trainer Bilardo hält er für einen „Vertreter des Antifußballs“ und während des Turniers sagt er über die Kaderzusammenstellung: „Ausgewählt wurden bis auf Maradona alles Polizisten, keine Ballartisten, die südamerikanisch spielen.“ Maradona würde 90 Prozent der Mannschaft ausmachen, die restlichen zehn entfielen auf Stürmer Jorge Valdano.

Jener Valdano schießt bei der WM das erste Tor Argentiniens beim 3:1 gegen Südkorea. Die Vorlage gibt Maradona, wie auch die für die beiden weiteren Treffer. Nach dem Spiel hat er von den vielen Tritten blaue Flecke und Blutergüsse, muss zwei Tage mit dem Training aussetzen. Die Presse in der Heimat ist wenig erbaut vom ersten Auftritt ihres Teams: „Sie mussten gewinnen, sie haben gewonnen. Sie mussten überzeugen, sie haben nicht überzeugt“, bilanzierte die Zeitung „Tiempo Argentino“.

Das zweite Vorrundenspiel ist für Maradona ein ganz besonderes, er trifft auf Italien. Salvatore Bagni, sein Mitspieler und Mann für die Drecksarbeit beim SSC Neapel, soll ihn an die Leine legen. Das gelingt nur bedingt, Maradona erzielt den Ausgleich zum 1:1-Endstand. Bagni spielt sauber, in der zweiten Halbzeit einigen sich die Teams auf einen Nichtangriffspakt, über den die Gazzetta dello Sport schreibt: „Maradona und Italien, welch hässlicher Frieden – ihr habt uns nicht gefallen.“

Auch das finale Gruppenspiel gegen Bulgarien spielen die Argentinier eher nüchtern, es reicht für ein 2:0. Maradona bereitet das zweite Tor vor, ist somit an fünf der sechs Treffer seines Teams in der Vorrunde direkt beteiligt.

„Es war ein Treffer durch die Hand Gottes und den Kopf Maradonas“, sagt Maradona nach seinem 1:0 gegen England

Im Achtelfinale wartet mit Uruguay die Tretertruppe des Turniers, doch die „Urus“ halten sich bei der 0:1-Niederlage zurück. Maradona ist am Siegtor nur indirekt beteiligt, es bleibt das einzige WM-Spiel, das er ohne Vorlage oder eigenes Tor beendet. Hinterher erklärt er: „Ich habe immer gesagt: Wenn wir Uruguay schlagen, ist der Weg ins Finale zu 50 oder 60 Prozent frei für uns. Im Viertelfinale wünsche ich mir England.“

Sein Wunsch geht in Erfüllung und das Spiel gegen die Engländer wird das Spiel seines Lebens. Nicht wegen der Eckfahne, sondern weil Maradona beim 2:1 beide Tore erzielt. Das erste auf eine Art und Weise, die wohl keinem anderen Spieler verziehen worden wäre. „Es war ein Treffer durch die Hand Gottes und den Kopf Maradonas“, sagt er nach dem Spiel. Das Tor macht ihn noch berühmter, Filme und Bücher werden das Zitat später im Titel tragen.

Nur die englischen Spieler haben den Betrug von damals nie vergessen. Torwart Peter Shilton, der damals sofort Handspiel reklamierte, beklagte sich noch an Maradonas Todestag: „Niemals hat er gesagt, dass er betrogen hat und dass er sich entschuldigen möchte. Stattdessen benutzte er seinen Ausdruck ‚Hand Gottes’. Das war nicht richtig. … Ein klares Vergehen. Betrug.“ Und Gary Lineker versah seine Respektsbekundungen am Mittwoch bei Twitter mit einer kleinen Spitze am Ende: „Er war mit Abstand der beste Spieler meiner Generation und womöglich der beste aller Zeiten. Nach einem gleichermaßen segensreichen wie schwierigen Leben wird er hoffentlich in den Händen Gottes Erlösung finden.“

Der Rest der Welt verzeiht Maradona die Schummelei schon Minuten später. Sie war im Livebild des Fernsehens im Zeitalter vor HD auch nicht ohne Weiteres zu erkennen und schließlich folgt auf das unredliche 1:0 das geniale 2:0. Maradona bekommt den Ball kurz vor der Mittellinie, tänzelt anschließend durch die englischen Abwehrreihen und schiebt an Shilton vorbei ein. „Diego ist so groß, dass er mit der Last dieses irregulären Tores nicht spielen konnte, deshalb hat er gleich noch ein zweites geschossen“, erzählte Jorge Valdano später. Der Treffer wurde zum WM-Tor des Jahrhunderts gewählt, bis heute hat es bei Endrunden kein schöneres gegeben.

Es steht stellvertretend für Maradonas Genialität. Er ist der größte Dribbler seiner Zeit und mit Sicherheit der erfolgreichste der Fußballgeschichte. Manchmal scheint es, der Ball würde ihm am Fuß kleben. Für die meist viel größeren Gegenspieler ist er oft einfach zu schnell, Maradona entwischt ihnen mit scheinbarer Leichtigkeit. Der ganze, beinahe schon kindliche Spaß, den er am Fußball hat, wird während der Tage von Mexiko deutlich. Maradona ist reif für den Titel und will sich dabei von niemandem aufhalten lassen.

Im folgenden Halbfinale trifft er auf seine Vergangenheit, gegen Belgien hatte er vier Jahre zuvor sein erstes WM-Spiel 0:1 verloren. Diesmal erzielt Maradona beim 2:0-Sieg Argentiniens beide Tore, das zweite ist fast so schön wie das 2:0 gegen England. „Wir Belgier fanden einen Maradona, der teuflischer war als unsere Roten Teufel,“ schreibt „La Libre Belgique“ nach dem Spiel. Trainer Bilardo weiß, was er an seinem Star hat und schwärmt: „Ein solches Phänomen in seiner Mannschaft zu haben, ist ein Geschenk.“ Ziel sei es nun, mit Maradona den Titel zu gewinnen.

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Nach dem öffentlichen Training vor dem Endspiel gegen Deutschland drängen sich fast 500 Journalisten am Zaun, nur um eine Silbe von Maradona zu erhaschen. In der Heimat haben sich auf den Straßen von Buenos Aires trotz winterlicher Kühle hunderttausende Fans versammelt, um ihr Team und vor allem ihren Superstar zu feiern – und ihnen Glück zu wünschen im Finale.

Dort schlägt sich Deutschland mit der Maßnahme, Lothar Matthäus zum Manndecker von Maradona zu berufen, auch ein bisschen selbst. Oder wie es die „Süddeutsche Zeitung“ nach dem 2:3 formuliert: „Maradona funktionierte Matthäus zum Vorstopper um. So geriet die bis dahin starke Abwehr aus den Fugen.“ Ein genialer Pass aus dem Fußgelenk auf Jorge Burruchaga beim Siegtor reicht Maradona, um sein Team zum Weltmeister zu machen.

Nie zuvor und auch nicht mehr danach war eine Mannschaft auf dem Weg zum Titelgewinn von einem Spieler derart abhängig. Maradona war an zehn der 14 WM-Treffer Argentiniens als Vorlagengeber oder Schütze beteiligt. Mehr als die Hälfte der Torschüsse seines Teams hatte er kreiert oder abgegeben. Er startete 90 Dribblings und wurde 53 Mal gefoult – mit Abstand die Höchstwerte des Turniers. Der Maradona von 1986 stand immer wieder auf, er war Künstler, Arbeiter, Vollstrecker und Anführer in einer Person. Mit seinen Auftritten in Mexiko machte er sich unsterblich. Auch wenn es das Leben anschließend nicht immer nur gut mit Diego Armando Maradona meinte und es am Mittwoch viel zu früh zu Ende ging.