Als die Eisbären noch Dynamo hießen und durch die Kneipe aufs Eis kamen

Heute vor 30 Jahren spielte Eisbären-Vorgänger Dynamo erstmals in der Eishockey-Bundesliga. Spieler von damals erinnern sich an einen urigen Start




Mit blanker Brust. Torwart René Bielke (r.) 1990 im Trikot des EHC Dynamo, der erst während der ersten Saison in der Bundesliga…Foto: Thomas Uhlemann/dpa

Es war halb zehn an einem Freitagabend als Peter John Lee vor dem Tor der Berliner noch einmal entscheidend an den Puck kam. Und der Torjäger der Düsseldorfer EG machte das, was er am besten konnte: Er traf, Torhüter René Bielke war ohne Chance, es stand 1:1. Das war der Endstand. „Irgendwie hab’ ich den reingehauen“, erinnert sich Lee. „Auf einmal war es still in der Halle, dann waren nur noch unsere Fans zu hören.“

Denn schließlich war es ein ganz besonderes Spiel am 14. September 1990 in der großen Eishalle im Sportforum Hohenschönhausen. Erstmals überhaupt trat der EHC Dynamo Berlin in der Eishockey-Bundesliga an – knapp drei Wochen vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 spielte diese Sportart schon in einer Liga.

Weit vor allen anderen Sportarten fand im Eishockey die Vereinigung auf dem Eis statt, im Fußball gab es noch bis zum Sommer 1991 eine DDR-Oberliga. Dabei war der Weg der beiden Eishockey-Ostklubs in die Bundesliga recht steinig. Seit Jahren hatten die beiden Dynamo-Klubs aus Berlin und Weißwasser in ihrer Zweier-Miniliga den DDR-Meister ausgespielt.

Obwohl das Nationalteam der DDR erstaunlich gut war, gab es Widerstand im Westen gegen die frühe Integration. Zunächst sollte es für die beiden Klubs in die zweite Bundesliga gehen, doch das scheiterte am Veto der Klubs. Schließlich wurde die Bundesliga von zehn auf zwölf Klubs aufgestockt. Hardy Nilsson, damals Trainer des Kölner EC, sagte: „Die Teams aus der DDR sind nicht konkurrenzfähig, das macht keinen Sinn.“

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Aber sie spielten dann zunächst einmal recht ordentlich mit die Berliner, vor allem im Wellblechpalast, der noch nicht so hieß. „Das war natürlich für uns damals etwas ganz Besonderes“, erinnert sich René Bielke. Zuvor habe man in den Spielen gegen Weißwasser über die Hobbys aller Gegenspieler Bescheid gewusst. Nun liefen da Gegner auf, die Bielke und Kollegen nicht kannten. Zu DDR-Zeiten sagt der Torwart, „konnten wir die Fans oft mit Handschlag begrüßen. Nur bei Europacup-Spielen war mehr los.“

Voll war die im Dunkel von Hohenschönhausen nicht so leicht zu findende Halle in der ersten Bundesligasaison meistens noch nicht, beim ersten Spiel in der Bundesliga am 14. September 1990 waren 3000 Zuschauer da. Aber die Stimmung war ansprechend, erinnert sich Bielkes damaliger Gegenspieler Lee. „Es war verdammt laut. Schon damals.“ Anfangs war sogar mal den Sprechchor: „Dynamo und der BSC“ zu hören – was sich aber dann aber schon bald ändern sollte. Das 3:2 gegen den Westklub BSC Preussen am 16. Dezember war ein Wildwestspiel mit Massenkeilereien, das die Stimmung zwischen den Klubs nachhaltig trübte.

Fans vom Fußballklub BFC Dynamo wanderten schließlich zum Eishockey und die Derbys gegen die Preussen aus Charlottenburg heizten eine Konkurrenz an, die bis zum Abstieg des Klubs im Jahr 2002 immer gepflegt wurde.

Damals war die Halle im Sportforum gut gefüllt, aber nur beim Derby voll

Die erste Saison verlief durchaus noch urig. Die Spieler wärmten sich in der Trainingshalle 2 auf, präsentierten sich also erst zum ersten Bully den Fans. Und die Berliner Mannschaft musste beim Gang auf das Eis durch die Stadionkneipe, weil die Kabine dahinter lag. Steffen Ziesche, 18 Jahre alt im Jahr 1990, erinnert sich: „Da haben unsere Klamotten nach dem Spiel nicht nur nach Schweiß, sondern auch nach Kneipe gestunken.“

Für Angreifer Ziesche war der 14. September in jeder Hinsicht ein besonderer Tag: Er schoss das 1:0 für Dynamo Berlin. „Wie der reingegangen ist, das weiß ich gar nicht mehr genau. Ich weiß aber, dass es ein komischer Tag für mich war. Vor dem Spiel hatte ich einen Autounfall auf der Konrad-Wolf-Straße.“ Einen Auffahrunfall, rund um das Sportforum war mächtig was los. Steffen Ziesche sagt: „Da waren so viele Fans aus Düsseldorf, so etwas kannten wir ja gar nicht. Ich war echt irritiert.“

Die eingespielte Mannschaft aus dem Osten hielt aber auch aufgrund Ziesches Führungstor lange recht gut mit. Düsseldorfs Trainer Zach sagte nach dem Spiel: „Wenn die so weitermachen, spielen die um die Meisterschaft mit. Auch Peter John Lee war von den Fähigkeiten der Berliner angetan. „Technisch spielten die auf einem sehr guten Niveau. Vielleicht fehlte ihnen damals die Härte und dann glaube ich, dass sie einfach das viele Reisen zu den Auswärtsspielen und die hohe Frequenz an Spielen nicht kannten.“

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Zudem waren die Dynamos auch nicht mit solchen Importspielern gesegnet wie die Konkurrenz. Anfang Oktober wurde die bis dahin allein aus deutschen Spielern bestehende Mannschaft zwar mit den Russen Sergej Jaschin – immerhin Weltmeister mit der UdSSR – und Wladimir Schaschow verstärkt, aber das half sportlich auch nicht.

Dynamo Berlin wurde nach 44 Spieltagen Tabellenletzter und stieg ab, der nun unter PEV (Polizei Eissport-Verein) firmierende Klub aus Weißwasser wurde nur knapp hinter Freiburg Vorletzter. Und schaffte dann in den Play-downs – ausgerechnet gegen den alten Klassenfeind aus Berlin – den Klassenerhalt. Das aber war nicht richtungsweisend, Weißwasser verschwand bald und das bis heute aus der Erstklassigkeit. Während die Berliner nach dem Wiederaufstieg und der Umbenennung in Eisbären ihre große Zeit noch vor sich haben sollten.

Über den historischen Treffer von Peter John Lee, der mit Düsseldorf in besagter Saison schließlich Meister wurde, konnte übrigens im Nachhinein auch der Trainer des EHC Dynamo schmunzeln. Bis zu seinem Lebensende hänselte Hartmut Nickel, später das Eisbären-Urgestein, den ehemaligen Spieler, Trainer, Manager und heutigen Geschäftsführer der Eisbären. Peter John Lee erinnert sich. „Alles lief gut für uns, bist du uns mit deinem blöden Tor die Tour versaut hast“, habe Nickel ihm nicht nur einmal gesagt.