Als das Wünschen nicht mehr geholfen hat

Chaos in Washington D.C. – die Straßen sind voller Menschen, die protestieren, rebellieren, predigen. Polizisten laufen verwirrt umher. In der Ferne ist das Kapitol durch einen Rauchschleier zu erkennen. Die Hauptstadt der USA muss in Blockbustern traditionell einiges aushalten.

Das Publikum ist an tumultartige Szenen wie diese aus „Wonder Woman 1984“ gewöhnt. Doch wenige Wochen nach der Erstürmung des Parlaments wirken solche Bilder auf einmal unangenehm realistisch. Sogar zwei seltsam kostümierte Frauen, die sich in den Gängen des Weißen Hauses vermöbeln, scheinen seither im Rahmen des Vorstellbaren – bis auf das goldene Lasso von Diana Price alias Wonder Woman vielleicht.

Drei Rettungen an einem Tag

Zu dumm, dass die Superheldin bei ihrer Zeitreise 37 Jahre zu früh in Washington auftaucht. Man hätte sie gut gebrauchen können, an jenem Tag, als Donald Trump seine Anhänger*innen zum Aufruhr anstiftete. Allerdings gibt es für die Amazonenprinzessin auch schon zur Reagan-Zeit viel zu tun. An einem einzigen Sommertag rettet sie eine Joggerin, die fast von jungen Rasern überfahren worden wäre, eine Braut, die von einer Brücke stürzt und ein Kind, das bei einem bewaffneten Überfall in die Schusslinie gerät.

Mit dieser fulminanten Sequenz – sie folgt auf eine preludeartige Rückblende in Dianas Kindheit – eröffnet Regisseurin Patty Jenkins ihren zweiten „Wonder Woman“-Film, der in den USA seit Weihnachten auf einem Bezahlportal läuft und in Deutschland ab Donnerstag bei Sky zu sehen sein wird. Anders als im Fall des ewig verschobenen neue James-Bond-Abenteuers, entschied sich das Studio bei der DC-Comicadaption irgendwann zur Offensive – selbst wenn das Werk pandemiebedingt kaum auf Kinoleinwänden läuft und die rund 200 Millionen Dollar Produktionskosten höchstwahrscheinlich nicht einspielen wird. Immerhin lag „Wonder Woman 1984“ in Nordamerika drei Wochen hintereinander auf dem ersten Platz der Box-Office-Charts.

[Ab 18.2. bei Sky und Sky Ticket]

Die wieder von Gal Gadot gespielte Superheldin hat sich im Sequel des im Ersten Weltkrieg angesiedelten Vorgängers (2017) eine unauffällige Existenz als Archäologin im Smithonian Museum aufgebaut. Eines Tages wird dort ein geheimnisvoller Stein angeliefert, der in seiner Gegenwart ausgesprochene Wünsche verwirklicht. So kehrt unverhofft Dianas heldenhaft gestorbener Kurzzeitgeliebter Steve zu ihr zurück – zwar in anderer Gestalt, aber für sie sieht er aus wie früher, weshalb wieder Chris Pine die Rolle des Kampfpiloten übernehmen kann.

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Da diesmal er völlig fremd in der modernen Welt ist, kommt es zu einer hübschen Spiegelung der Verhältnisse aus dem ersten Teil, in dem die auf einer männerlosen Insel aufgewachsene Diana über Technik, Essen und Benehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts staunte. Auch die damalige Einkleide-Szene in London wird mit veränderten Rollen noch einmal durchgespielt, wobei Steve ein schön beknacktes Repertoire an Achtziger-Outfits ausprobieren muss, um am Ende bei weißem Hemd und schwarzer Jacke zu landen.

Regisseurin Jenkins hatte sichtlich Spaß an den ausstatterischen Details der Stulpen-Walkman-Plastikkappen-Ära. Leider hält sie auch Sexismus für ein Epochenmerkmal, das dringend reproduziert werden muss. So zeigt sie von einer weibliche Aerobic-Gruppe nur die Hintern – und darauf starrende Typen. Wenn das eine Kritik am male gaze des damaligen Kinos sein sollte, ist sie misslungen, weil das Bild nur als billiger Gag funktioniert.

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Noch schlimmer ist der Umgang mit der von Kristen Wiig gespielten Museumsmitarbeiterin Barbara Minerva, die zunächst als verschusselte Brillenträgerin in ausgebeulten Sweatshirts gezeichnet wird. Nachdem sie sich vom Zauberstein gewünscht hat wie ihre Kollegin Diana zu sein, tritt sie plötzlich als supersexy Femme fatale auf. Und endlich kann sie auch auf hohen Absätzen laufen! High

Heels sind ohnehin immer wieder prominent im Bild, was wohl als Zeichen weiblicher Selbstermächtigung gelesen werden soll, aber wie eine Deichmann-Reklame aus der Mottenkiste daherkommt.

Ein schmieriger Ölunternehmer klaut den magischen Stein

Barbara – immerhin Wissenschaftlerin an einem wichtigen Museum – reduziert sich selbst so sehr auf den „Erfolg“ in ihrer stereotypen Frauenrolle, dass sie bei der Verteidigung dieses Status’ zur furienhaften Gegenspielerin von Diana wird. Einer Figur eine derartig eindimensionale Motivation zu verpassen, ist schon ziemlich reaktionär und enttäuschend von einer Regisseurin, die in ihrer so viel packenderen ersten „Wonder Woman“-Adaption noch Anspielungen an die Suffragetten unterbrachte.

Der Hauptschurke ist wieder ein Mann. Maxwell Lord (Pedro Pascal) – ein schmieriger Geschäftsmann – klaut den Stein und wünscht sich dessen Kräfte. Fortan blüht nicht nur seine hochstaplerische Ölfirma auf, sondern er reißt auch weltweit immer mehr Macht an sich. Dass er dabei mal die Hilfe von anderen braucht, dann wieder nicht, gehört zu den vielen Unplausibilitäten des Drehbuchs.

Die Superkräfte der Heldin schwinden

Wie mit Schere und Schnellkleber hineingebastelt, wirkt zudem die Figur von Lords kleinem Sohn, der wie eine Puppe herumgeschubst wird, nur um irgendwann für den schlagartigen Geisteswandel des Fieslings zu sorgen.

Das wäre alles zu verschmerzen, hätte nicht auch noch Wonder Woman eine veritable Formschwäche. Wie allen, denen der Stein einen Wunsch gewährt, nimmt er ihr auch etwas. Bei Diana lassen die Superkräfte nach. Kann die wundersame Rückkehr ihres Liebsten Bestand haben? Ein tränenreiches Hin- und Her beginnt. Es irritiert, die im ersten Teil so unabhängige, selbstbewusste Superheldin, die nur die Rettung der Welt im Kopf hatte, jetzt sagen zu hören, „das Einzige, was ich je gewollt habe“ sei ein Mann gewesen.

Man kann nur hoffen, dass sie und Patty Jenkins einen Weg aus der Krise finden, um im bereits geplanten dritten Teil mit altem Elan zurückzukehren. Gern können dabei auch ein paar Hauptstädte ramponiert werden.