Alle Wetter

Es gibt keine deutsch-russische Kulturveranstaltung, bei der Michail Schwydkoi nicht dabei wäre, wenn er nicht gar die Fäden zieht. Als Sonderbeauftragter des Präsidenten der Russischen Föderation für kulturelle Beziehungen zum Ausland ist das schließlich seine Aufgabe. Er versieht sie, seit er vor 27 Jahren ins internationale Rampenlicht trat.

So auch bei der Eröffnung der Ausstellung „Eisenzeit – Europa ohne Grenzen“ in der Eremitage zu Sankt Petersburg. Corona-bedingt fand sie am Dienstagnachmittag per Video statt, mit allen Grußworten, die bei einem solchen Kooperationsprojekt der Staatlichen Eremitage, des Staatlichen Historischen Museums Moskau sowie des Moskauer Puschkin-Museums mit dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte nun einmal vonnöten sind.

Zugeschaltet war auch Schwydkoi. Er brachte es fern allen diplomatischen Gehabes auf den Punkt: „Diese Ausstellung beweist, dass Profis bei jedem politischen Wetter arbeiten können.“

Schwydkoi, der gut und gerne für einen Apparatschik gehalten werden könnte, lugte ihm nicht seine wache Intelligenz aus den Augen, kennt das Metier des deutsch-russischen Kulturaustauschs wie kaum ein Zweiter. Das Auf und Ab, oder genauer: das hoffnungsfrohe Auf der frühen 90er Jahre und das deprimierende Ab seit deren Ende.

Die Bestätigung des Duma-Gesetzes zur Verstaatlichung der aus dem besiegten NS- Deutschland abtransportierten Beutekunst markierte 1999 den Endpunkt der Bemühungen um Rückgabe der Schätze vor allem aus den Berliner Museen.

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In der jetzigen Ausstellung sind erneut Teile davon zu sehen, wie schon bei den Vorgängerausstellungen zu den Merowingern und zur Bronzezeit. Nach Deutschland dürfen die Ausstellungen nicht kommen, der konträren Rechtsauffassungen wegen, die deutscherseits die Anerkennung der russischen Inbesitznahme ausschließen. So machen die Wissenschaftler eben auf russischem Boden weiter, wo die Ausstellung nach St. Petersburg noch in Moskau gezeigt werden wird.

Viele Exponate der St. Petersburger Ausstellung stammen aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte.Foto: dpa/Janine Schmitz

In der Bronzezeit gab es keine Grenzen, wie von mehreren Grußwortsprechern betont wurde. Lustig! Dass die Menschen damals allerdings friedlicher waren als ihre Nachkommen, darf man angesichts der bronzenen Helme und Waffen bezweifeln, die zu den markantesten Ausstellungsstücken zählen.

Ja, gleich nach den Grußworten folgte ein Rundgang durch die Ausstellung; dank heutiger Technik gibt es jedenfalls fürs Schauen auch in Pandemiezeiten keine Grenzen. Die Eremitage kommt ins Wohnzimmer, und einem Vollprofi wie Schwydkoi ist auch dieses politische Wetter recht. Er zählt zum Inventar, genauso wie die Grußworte, die unverdrossen die Kraft des kulturellen Austauschs beschwören. Der Wettergott aber sitzt im Kreml und macht Politik auf seine Art.