Alfred Bauer war ein wichtiger Filmfunktionär in der NS-Zeit

Eine Vorstudie zur NS-Vergangenheit des Berlinale-Gründungspräsidenten ist veröffentlicht. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte bestätigt den Verdacht.




Im Januar kamen die Enthüllungen über den ersten Berlinale-Leiter Alfred Bauer an die Öffentlichkeit.Foto: Konrad Giehr/dpa

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte bestätigt, dass die Rolle des Berlinale-Gründungsdirektors Alfred Bauer (1951 bis 1976) in der Reichsfilmintendanz bedeutender war als bisher bekannt. Eine 60-seitige Vorstudie dokumentiert, dass Bauer durch seine Tätigkeit „einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Funktionieren des deutschen Filmwesens während der NS-Diktatur und damit zur Stabilisierung und Legitimierung der NS-Herrschaft geleistet“ habe, schreibt Tobias Hof, Historiker an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität.

Als Referent der Reichsfilmintendanz war Bauer ein wichtiger Funktionär, „der seine Aufgabe engagiert und pflichtbewusst erledigte“. Auch habe er seine Rolle nach 1945 systematisch durch Falschaussagen und Halbwahrheiten verschleiert und sich das Image eines überzeugten NS-Gegners zugelegt. So habe er seine zahlreichen Mitgliedschaften in NS-Parteiorganisationen und der SA bewusst gesucht und sei nicht unter Zwang etwa in die NSDAP eingetreten, wie er selber behauptete.

Ende Januar hatte „Die Zeit“ die bisherige Bauer-Darstellung als Legende entlarvt. Bauers Rolle in der NS-Zeit, wie sie sich in einer von der Deutschen Kinemathek geplanten Monografie darstellte, war lückenhaft und dadurch geschönt. Die Berlinale gab daraufhin die Studie in Auftrag und setzte ihren nach Alfred Bauer benannten Preis aus. Die Kinemathek zog ihre fertige Publikation kurzfristig zurück.

Die Recherchen der “Zeit” sind korrekt

Die Studie bestätigt nun die „Zeit“-Recherchen. Auch das dort zitierte Persönlichkeitsgutachten des Würzburger NSDAP-Ortsgruppenleiters, in dem Bauer als „eifriger SA-Mann“ charakterisiert wird, hält sie für glaubwürdig. Grundlage der Studie, die neben Bauers Anfängen die Bedeutung der Reichsfilmintendanz und die Kontinuitäten in der unmittelbaren Nachkriegszeit beleuchtet, sind schon länger zugängliche Archivalien, etwa aus dem Bundesarchiv. Den Dokumenten zufolge war Bauer über sämtliche Vorgänge in der NS-Filmindustrie informiert und spielte bei der Produktionsplanung eine zentrale Rolle.

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Bauer war dem Reichsfilmintendanten direkt unterstellt, als einer von zwei Referenten. Zur Produktionsplanung gehörten neben Dreherlaubnissen (also der Zensur) sowie Personal- und Gehaltsfragen auch die Unabkömmlichkeitsstellungen und der Einsatz von Zwangs- und Fremdarbeitern.

Weitere Recherchen sind erforderlich

„Anhand der gesichteten Dokumente lässt sich nachweisen, dass die führenden Mitarbeiter der RFI von der Zwangsarbeit in der Filmbranche Kenntnis hatten“, heißt es in der Studie. „Dabei handelte es sich zum einen um sogenannte ,Ostarbeiter’, die in Baracken mit Kapazitäten von über 600 Personen auf dem UFA-Gelände in Potsdam-Babelsberg untergebracht waren. Diese Listen weisen auch die Namen von über 100 Frauen und Kindern auf.“

Die Zwangsarbeit sei von der Reichsfilmintendanz ohne Widerspruch geduldet worden, so Tobias Hof. Wobei er hinzufügt, dass die genaue Rolle von Alfred Bauer hier noch nicht abschließend bewertet werden könne.

Bauers Dissertation gilt als verschollen, ein Nachlass existiert nicht, weitere Recherchen sind also erforderlich. Tobias Hof kommt auch insgesamt zu dem Schluss, dass es große Forschungslücken in der Geschichte der deutschen Filmbranche gibt. Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek nennt die neuen Erkenntnisse „bestürzend“. Sie veränderten den Blick auf die Gründungsjahre des Festivals. Die Studie verändert auch den Blick auf die Stiftung Deutsche Kinemathek, deren Aufgabe es gewesen wäre, die NS-Tätigkeiten Alfred Bauers für ihre Berlinale-Chroniken zu recherchieren. Ein großes Versäumnis.