Agenten in alpinen Schenken

Alle haben eine Meinung zur Frage nach dem besten Bond-Darsteller. Distinktionsgewinn verschafft man sich hier mit der überraschenden Antwort „George Lazenby“. Einigkeit herrscht unter Fans darin, dass „Goldfinger“ der beste Bond-Film ist.

Er gewinnt in jeder Kategorie: durchgeknallteste Idee (die amerikanischen Goldvorräte radioaktiv zu verstrahlen), stylishstes Auto (der silberne Aston Martin mit Schleudersitz), bester Bösewicht (Gert Fröbe), furchteinflößendster Endboss (Odd-Job zerkrümelt Billardkugeln mit bloßer Hand), am unverhohlensten zur Schau gestellter Chauvinismus (ein „Bond-Girl“ erhält eine Gold-Legierung, das andere heißt Pussy Galore).

Im Urserntal haben sie keine Lust auf die Filmcrew

Guy Hamilton drehte später noch mit Roger Moore, aber „Goldfinger“ setzt sozusagen den Standard. „Liebesgrüße aus Moskau“ ein Jahr zuvor war ein solider Agentenfilm, „Goldfinger“ machte aus James Bond eine Marke.

Die Schweizer Bond-Fans Steffen Appel, ein Archivar, und der Journalist Peter Waelty haben einen speziellen Blick auf den Klassiker. In ihrem Fotoband „The Goldfinger Files“ (Steidl Verlag, 192 S., 38 €) dokumentieren sie jenen Moment, in dem der Kalte Krieger Bond die neutralen Eidgenossen eingemeindete.

Im Juli 1964 drehte das Produktionsteam sieben Tage im alpinen Urserntal, wo man zunächst gar keine Lust auf die 50-köpfige Crew hatte, weil sie den beschaulichen Ferienbetrieb störte. Das war lange vor dem Boom des Alpentourismus – und bevor sich englische Touristen ihren schlechten Ruf verdienten. „Erstaunlich war die Disziplin, mit der sich die Briten in der Schlange (Anm.: am Frühstücksbuffet) anstellten“, erinnert sich eine Schweizer Journalistin. „Wir kannten solche Manieren nicht.“

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Appel und Waelty haben die Archive durchforstet und Fotos von den Dreharbeiten zusammengetragen. Die Eindrücke sind so kurzweilig (Sean Connery ohne Toupé) wie irritierend (Darstellerin Tania Mallet posiert für eine Modestrecke mit einem Gewehr).

In der „Schweizer Illustrierten“ resümiert die Tratschreporterin Gisela Blau später: „Connery war ein humorloser Langweiler.“ Das Buch gibt einen anderen Eindruck wieder. Connery soll jedem Rock nachgestiegen sein und bis morgens um drei die Bars unsicher gemacht haben.

Connery nervt es, als Mr. Bond angesprochen zu werden

Was eventuell auch seine Launen am Set erklärt. Besonders genervt war er von Touristen, die ihn mit „Mr. Bond“ ansprachen. Nach „Goldfinger“ kannten alle seinen Namen.

Das Buch ist ein nettes Coffeetable-Accessoire für Bond-Komplettisten – und eine faszinierende Zeitkapsel. Heute ist es unvorstellbar, dass Drehteams nach Feierabend in rustikalen Bauernschenken mit Feriengästen und Journalistinnen („Schickt Reporterinnen“ lautet die offizielle Direktive, um Connery zum Sprechen zu bringen) feiern.

Und dabei nie über die Stränge schlagen. Im Kapitel „Whiskey à gogo“ (Pflaumenschnaps war die andere Schweizer Geheimwaffe) bemerkt der Musiker Tury Dänzer anerkennend: „Die Briten wussten ihren Alkohol zu handhaben.“