Abgang mit Stinkbombe

Das war fällig. Josep Maria Bartomeu, Präsident des FC Barcelona seit 2014, hat am Dienstagabend verkündet, worauf Barça-Fans weltweit gewartet haben: Er tritt zurück. Und mit ihm der gesamte Vorstand. Der Jubel in den Foren der Culers („Ärsche“), wie sich die Fans selbstironisch nennen, ist unüberhörbar. Beim Penya Barcelonista Berlin, dem hiesigen Fanklub, wurde mit Cava angestoßen. Die Schimpfworte, die Bartomeu hinterherfliegen, sind allerdings nicht druckreif. Selten hat ein Klubchef bei Barça derart viel Hass erregt. Dass der Verein jetzt aus der Krise herausfindet, ist jedoch keineswegs sicher.

Affären und Fehlentscheidungen

Bartomeu hat reichlich Schaden angerichtet. Auch wenn in seiner Amtszeit noch einmal die Champions League gewonnen wurde, 2015 mit einem fulminanten Sieg über Juventus Turin im Berliner Olympiastadion, ist die Bilanz negativ. Der FC Barcelona leidet nach Affären und Fehlentscheidungen unter dem Verlust von nicht weniger als seiner Magie.

Nach der Niederlage gegen Real Madrid steht der Verein nur auf Platz 12

Die stolze Vereinsparole „més que un club“ weckt heute vor allem wehmütige Erinnerungen an die goldene Ära von Pep Guardiola. Der genial verrückte Trainer trieb die Mannschaft in nur vier Jahren, von 2008 bis 2012, zu insgesamt 14 Titeln. Mit gleich zwei Triumphen in der Champions League. Heute kann Barça offenbar froh sein, wenn es am Ende der Saison wieder in einem internationalen Wettbewerb mitspielen darf. Aktuell steht die Mannschaft, nach der Niederlage am Sonnabend gegen Real Madrid, auf Platz 12 in der Primera División.

Natürlich ist Bartomeu nicht alleine Schuld am Niedergang. Aber das Sündenregister des Präsidenten ist beachtlich.

Barçagate hat die Atmosphäre im Klub vergiftet

Stichwort „Barçagate“. Der Verein hat mit einem dubiosen Unternehmen kooperiert, das in den sozialen Medien Ikonen wie Guardiola, Xavi und sogar Lionel Messi schlecht redete. Die Firma kassierte für den schwer begreiflichen Irrsinn einer Schmutzkampagne, mit der sich der Verein selbst schadete, eine Million Euro von Barça. Als der Skandal im Februar bekannt wurde, beteuerte Bartomeu, er habe von den Stänkereien nichts gewusst. Den Verdacht, er habe Kritiker diffamieren lassen, wies er zurück. Doch die Atmosphäre im Klub ist vergiftet.

Auf einen schwachen Trainer folgte ein noch schwächerer

Stichwort Trainer. Bartomeu hielt trotz schmerzhafter Niederlagen an Ernesto Valverde fest. Im April 2018 verlor Barça im Viertelfinale der Champions League das Rückspiel bei AS Rom mit 0:3, der Sieg aus dem Hinspiel mit 4:1 war verschenkt. Ein Jahr später das gleiche Drama – das Hinspiel im Halbfinale gegen den FC Liverpool mit 3:0 gewonnen, das Rückspiel mit 0:4 versemmelt.

Als Valverde im Januar 2020 endlich gehen musste, holte Bartomeu einen noch schwächeren Trainer. Mit Quique Setién verspielte das Team die spanische Meisterschaft und kollabierte historisch beim 2:8 gegen Bayern München in der Champions League. Der Mythos Barça war ruiniert. Dass die Mannschaft am Sonnabend unter Setiéns Nachfolger, dem Holländer Ronald Koeman, mit 1:3 beim Clásico scheiterte, zeugt von Kontinuität.

Die Wut der Fans wächst

Stichwort Messi. Der kleine Fußballgott wollte den Verein nach dem Desaster im Spiel gegen Bayern verlassen. Barça bebte, Bartomeu zwang Messi zu bleiben. Der Argentinier schmollt, auch wegen Barçagate, und schießt kaum noch Tore. Die Wut der Culers wächst. Das hat Folgen.

Bartomeu votierte schnell noch für die Super League

Mehr als 20 000 Vereinsmitglieder unterschrieben einen Misstrauensantrag gegen Bartomeu. Der Rauswurf rückte näher. Bartomeu ging dann lieber selbst, hinterließ aber noch eine Stinkbombe. Kurz vor dem Rücktritt stimmte er im Namen des Vereins dem elitären Projekt einer europäischen Super League zu. Obwohl sie die nationalen Ligen ruinieren würde. Ausgerechnet Barça, més que un club, wäre dann ein Totengräber des europäischen Fußballs. Madre de Dios!