Ab in den grünen Bereich

So unterschiedlich die Meinungen über den Sinn und Unsinn von Maßnahmen der Pandemiebekämpfung auch sind, in einer Frage sind sich alle einig: Die App ist eine Enttäuschung. Sie mag dort, wo sie installiert ist, funktionieren. Doch als Werkzeug der Pandemieeindämmung ist sie praktisch nutzlos.

Bereits am 3. April präsentierte Christian Drosten im NDR-Podcast die Studie eines epidemiologischen Modellierers aus Oxford, der zufolge eine Bevölkerung, von der 60 Prozent eine Kontakt-Detecting-App nutzen und deren Instruktionen (Lass dich testen! Quarantäne!) befolgen, sich alle anderen Maßnahmen wie Maskenpflicht, Kontakteinschränkungen, Schließung öffentlicher Einrichtungen usw. sparen könnte und dennoch das Infektionsgeschehen sehr bald zum Erliegen brächte.

Von diesen 60 Prozent sind wir weit entfernt. Setzt man Downloads sehr optimistisch mit Nutzungen gleich, so verwenden gerade mal 25 Prozent der Bevölkerung die App. Ob und in welchem Maße die Instruktionen befolgt werden, ist unbekannt. Die App ist zudem so konstruiert, dass niemand weiß, wie oft ein Testgebot erging, ganz zu schweigen, an wen. Ein weiteres Problem: Viele positiv Getestete geben ihr Testergebnis nicht an die App weiter, wodurch sich die App-Nutzer in einer Sicherheit wiegen, die nicht existiert.

Mit der App in den Bus – und an die Bar

Dass die App unter ihren Möglichkeiten bleibt, hat natürlich auch mit unseren Datenschutzbestimmungen zu tun, die in der Tat verhindern, dass das Kontakt- und Infektionsgeschehen so abgebildet wird, wie es technisch möglich wäre. Es gibt beim Datenschutz nicht nur Empfindlichkeiten, sondern auch eingefahrene Argumentationsmuster, die wie Textbausteine ausgepackt werden – als gäbe es keinen Unterschied zwischen Facebook und der Stasi, China und dem Gesundheitsamt.

In diese Falle ist die App jetzt leider geraten. Ihre Verteidiger machen den Datenschutz für ihre Nutzlosigkeit verantwortlich. Doch damit begeben sie sich in ein diskursives Abseits, von wo aus sie nur noch Recht haben, aber nicht mehr in der Sache gewinnen können.

Dabei könnte der App auch in ihrer jetzigen unpersönlichen Form zu der Power bei der Pandemiebekämpfung verholfen werden, die sich ihre Entwickler erhofften. Was wäre, wenn ich beim Einsteigen in den Bus nicht nur mein Ticket zeigen müsste, sondern auch die App. Sitze ich im Café und die Kellnerin bringt die Karten, bittet sie im typischen Dienstleister-Singsang „Darf ich dann gleich auch die App sehen?“ Auch beim Eintritt in Arztpraxen, öffentliche Gebäude oder an anderen Nadelöhren, bei denen Empfangspersonen beteiligt sind, kann das Vorhandensein der App und der Unbedenklichkeitsstatus kontrolliert werden.

Wie im Flugzeug

Wer seinen Unbedenklichkeitsstatus nicht nachweisen kann (sei es aus Vergesslichkeit, Nachlässigkeit oder Kooperationsverweigerung) wird abgewiesen. Wer hingegen positiv getestet wird, muss dies auch der App mitteilen – oder das Testergebnis wird gleich via App mitgeteilt und zeitgleich mit dem Kontaktnetz synchronisiert. Dank App blieben die Neuinfektionen faktisch in Quarantäne, denn mit Status Rot gibt’s nirgends Zutritt. Momentan entzieht sich das Verhalten derjenigen, denen Quarantäne verordnet wurde, jeglicher Kontrolle.

Die Nutzung der App sollte einst anonym und freiwillig sein, und die Frage drängt sich auf, ob die beschriebene Nutzung denn noch freiwillig zu nennen ist. Wer zynisch argumentiert, sagt, dass niemand gezwungen werden kann, die App zu benutzen – nur könne er dann eben nicht Bus fahren, ins Kino gehen oder sonst am öffentlichen Leben teilnehmen.

Da die Untauglichkeit der App eine Folge des Freiwilligkeitskonzeptes ist, müssen wir uns von dem Konzept verabschieden. Daran festzuhalten ist angesichts der vielen täglichen Corona- Toten sogar unverantwortlich. Dass für die Sicherheit aller die Mitwirkung aller eingefordert wird, ist gängige Praxis. Wer an Bord eines Flugzeugs will, muss durch die Sicherheitskontrolle.

Ein gefesselter Riese

Könnte die App ihre Kraft entfalten – und bei der eben beschriebenen Verbreitung und Einbindung in den Alltag könnte sie es –, würden wir nicht mehr über Restaurant- und Theaterschließungen, Homeschooling, Geisterspiele, Beherbergungsverbot und Pleitewellen reden. Wir hätten kaum noch Corona-Tote. Wir hätten bald unser altes Leben zurück – nur dass wir eben immer wieder das Handy präsentieren müssten. Der Handgriff würde zur Routine, wie es jetzt der Maske-auf-Griff vorm Supermarkt ist. Jeder Kneipier wird sich viel lieber auf die Verpflichtung einlassen, nur Gäste mit Status Grün zu bedienen, als sein Lokal weiterhin geschlossen zu halten. Es ist an Absurdität nicht zu überbieten, dass das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, das mit der Vernichtung zahlloser wirtschaftlicher Existenzen verbunden ist, selbst im Angesicht einer so schlichten wie wirksamen Gegenmaßnahme noch mehrheitsfähig ist. Sind wir wirklich so bescheuert?

Sicher gibt es den Einwand, was mit jenen werden soll, die kein Smartphone haben. Sollen wir die etwa aus dem öffentlichen Leben ausschließen? Das Problem ließe sich lösen. Denn ehe eine Lösung für die Smartphone-Besitzlosen gefunden ist, werden die Smartphone-Nutzer, die weit mehr als die nötigen 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen, die Pandemie ausgebremst haben.

Die App ist ein gefesselter Riese, und Argumente, die den Datenschutz für ihre Nutzlosigkeit verantwortlich machen, sind richtig. Aber man kann den Riesen auch auf eine andere Art von seinen Ketten befreien, ohne sich in das verminte Gelände des Datenschutzes zu begeben. Doch wie ich die öffentliche Diskussion einschätze, ist es dafür schon zu spät. Wir sind wundgescheuert von den immer gleichen Argumenten. Die „Zuchtmeister“ der Lauterbachs und Söders sehen sich den „Leugnern“ gegenüber. Die einen wollen ganz viel und ganz lange einschränken, verbieten, schließen und absagen, die anderen bestreiten Sinn und Nutzen egal welcher Maßnahme, wenn sie nicht sogar die Existenz einer Krankheit namens Covid19 bestreiten. Da ist kein Platz für den Gedanken, dass dem Spuk ein Ende bereitet werden könnte, indem ein jeder, der ein Handy hat, es ein paarmal täglich vorzeigt.