„76 Days“ zeigt den Kampf gegen Covid-19

Manchmal können sie sich kurz ausruhen, auf den festgeschraubten Stühlen im Flur. Sonst arbeiten die Pflegekräfte in Wuhan bis zur Erschöpfung und hasten in ihren knisternden weißen oder gelben Schutzanzügen mit Maske, Plastikvisier und Handschuhen durch die Korridore. Bei Schichtbeginn wird jede Lücke zwischen den Kleidungsstücken penibel verklebt.

Eine Krankenschwester schreit „Papa“, sie bricht weinend zusammen, so beginnt dieser Film. Sie darf den Toten nicht sehen, muss Abstand halten, als ihr Vater im orangefarbenen Plastiksack abtransportiert wird. Die Kolleginnen halten sie liebevoll fest, keine Panik, du musst dich zusammenreißen. Sie brauchen sie noch für die Nachmittagsschicht.

Wuhan vor einem Jahr. Am 23. Januar wurde die Stadt abgeriegelt, 76 Tage lang. In den Kliniken der Elf-Millionen-Metropole kämpften sie rund um die Uhr gegen das Virus. Der Dokumentarist Hao Wu besuchte zum Neujahrsfest seine krebskranken Eltern in Schanghai, verfolgte über die sozialen Medien die Ereignisse in Wuhan, wurde wütend, flog aber doch zu Mann und Kindern zurück nach New York, kurz bevor die Flughäfen dichtmachten.

Der 49-Jährige begann dann, aus der Ferne einen Wuhan-Film zu realisieren, zunächst im Auftrag eines TV-Senders und mit Hilfe zweier Co-Regisseure vor Ort.

Der Videoreporter Weixi Chin und sein aus Sicherheitsgründen anonym bleibender Kollege konnten zunächst sogar offiziell in vier Kliniken drehen. Sie steckten dabei selbst in hinderlichen Plastikoveralls, die ihr eigenes Ansteckungsrisiko wenigstens etwas minderten.

[embedded content]

Auf diese Weise filmten die beiden, wie Dutzende Kranke an der Tür zur Covid-Station rütteln, viele können sich kaum auf den Beinen halten. Aber es gibt nur Platz für sechs Frauen.

Sie filmten, wie ein verwirrter alter Mann, er war mal ein Fischer, immer wieder ausbüxen will und kaum zu bändigen ist, weil er sich eingesperrt sieht. Sie sind dabei, wie die Pflegerinnen ihn mit ebenso verzweifelter Engelsgeduld immer wieder einfangen, per Handy die Angehörigen einspannen und ihn bei seiner kommunistischen Ehre zu packen versuchen .

Sie zeigen, wie eine mutmaßlich infizierte Mutter gleich nach der Geburt ihr Baby weggeben muss. Und wie die Habseligkeiten der Toten desinfiziert werden; so manches Smartphone klingelt noch vor sich hin.

Die Nüchternheit des Films macht seine Stärke aus

„76 Days“ feierte im September auf dem Filmfest Toronto Premiere. Es ist nicht die einzige schnell entstandene Corona-Dokumentation. Auch in Italien wurde gedreht; und Ai Weiwei hat ebenfalls eine Wuhan-Doku in Fern-Regie realisiert, „Coronation“. Hao Wus Film dokumentiert die ersten Wochen in China, als selbst Ärzte noch fast nichts über das Virus wussten und Schutzausrüstung Mangelware war. „76 Days“ zeichnet sich durch die Geradlinigkeit aus, mit der der Dokumentarfilmer die bodenständige Erzählung vom apokalyptischen Krankenhausalltag zusammengefügt hat. Im Unverblümten, in der Nüchternheit der Bilder steckt ihre Kraft: Direct Cinema im Angesicht des Todes.

Wenigstens ein Luftballon-Gesicht. Die Pflegekräfte in den Kliniken von Wuhan sind hinter ihren Visieren und Masken nicht zu…Foto: MTV Documentary Films

Corona nimmt den Menschen ihre Identität, ihre Persönlichkeit. Das Baby heißt Nr. 98, die Patienten bleiben unkenntlich hinter den Lungenmaschinen, ebenso die Ärzte und Pfleger in ihren Astronauten-Outfits. Kein Gesicht, kein Lachen, kaum Augen, manche haben ihren Namen mit Filzstift auf den Anzug geschrieben. Auf den Intensivstationen rattern, klopfen und piepsen die Apparate, während in den Straßen der verbarrikadierten Stadt die Sirenen heulen.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können ]

In einer der wenigen heiteren Szenen von „76 Days“ malen sich die Pflegerinnen Baumblüten und lustige Gesichter auf ihre Anzüge. Rettet die Menschlichkeit: Das ist die anstrengendste Mission für die Pflegekräfte. Sie halten Handys an die Ohren der ans Bett Gefesselten, übermitteln Nachrichten derer, die nur noch mit dem Kopf nicken können, oder jener besorgten Ehefrau, deren Mann in einem anderen Krankenzimmer liegt. Isst er auch gut? Sie würde sich so gerne selber kümmern, ist aber selber zu krank.

Patient Nr. 98: Das Baby wird gleich nach der Geburt wegen Covid-Verdacht von seiner Mutter getrennt. Wochen später dürfen die…Foto: MTV Documentary Films

Kaum dass Zeit bleibt für eine Todesnachricht und die Beileidsbezeugung am Handy. Oder dafür, sich um den Armreif der gestorbenen Großmutter zu kümmern, ihn für die Angehörigen aufzubewahren. Aber wie lässt er sich über die dick geschwollene Hand der Toten streifen? In solchen Szenen weicht jedes vermeintlich kritische Wissen über Chinas Familienpolitik der Scham: In den Kliniken von Wuhan ist die Familie das Letzte, was an Menschenwürde noch bleibt. Was die Krankenschwester in der Eingangsszene so schrecklich schüttelt, ist ein archaischer Schmerz.

Hao Wus Co-Regisseure mussten ihre Dreharbeiten im März stoppen, weil China die Anfänge der Pandemie immer rabiater vertuschte. Auch zog der US-Sender seinen Auftrag zurück, weil die Pandemie vor der eigenen Haustür jetzt mehr interessierte. Hao Wu entschied sich dennoch, mit dem bereits vorhandenen Material zu arbeiten, beließ es so roh, wie es ihm übermittelt wurde, verzichtete auf Kommentare, politische Analysen oder explizite Kritik an der teils mörderischen Zensur und den Schikanen für mutige Mahner vor Ort.

„76 Days“ verpasst dem Zuschauer stattdessen eine Überdosis Wirklichkeit. Sie ist stärker als jede Protestnote.
Ab 22. Januar (14 Uhr) auf watch.dogwoof.com. Ab März auch auf iTunes, Apple TV und Vice on Demand.